Das Getränk Lumumba: Eine koloniale Entmenschlichung

Wie der Name von Patrice Lumumba – dem ersten Premierminister der unabhängigen Demokratischen Republik Kongo und einer zentralen Figur des afrikanischen Selbstbestimmungskampfes – in Deutschland zu einem Weihnachtsmarktgetränk wurde und warum dadurch koloniale Entwürdigung und historische Gewalt banalisiert und fortgeführt werden.

Als Patrice Lumumba am 17. Januar 1961 ermordet wurde – wenige Monate nach der Unabhängigkeit der heutigen Demokratischen Republik Kongo –, erschütterte sein Tod die afrikanische Welt. Sein Leichnam wurde zerstückelt und in Säure aufgelöst, als solle seine Existenz ausgelöscht werden. Einer der belgischen Mittäter bewahrte einen seiner Zähne wie eine makabre Trophäe auf; erst Jahrzehnte später wurde dieser der Familie übergeben, die wenigstens dieses eine verbliebene Stück seines Körpers beerdigen konnte. Es ist eine zutiefst erschütternde Geschichte der Entwürdigung.

Während in Afrika der Verlust eines der bedeutendsten Freiheits- und Gerechtigkeitskämpfer betrauert wurde, entwickelte sich in Europa – und besonders in Deutschland – ein pietätloser Reflex. Kurz nach Lumumbas Tod tauchte ein neues Szenegetränk auf: „Lumumba“, ein Heißgetränk aus Kakao, das bis heute auf Weihnachtsmärkten und in Bars angeboten wird. Noch schmerzhafter wirkt die Steigerung „Lumumba mit Schuss“ – eine Formulierung, die bitter daran erinnert, dass Patrice Lumumba erschossen wurde.

Dokumentierte Ursprünge gibt es kaum, doch der zeitliche Zusammenhang ist zu eng, um als Zufall zu gelten. Lumumba war bis zu seinem Tod als politische Figur in den Nachrichten präsent und wurde in Europa zunehmend zu einem Sinnbild einer „gefährlichen“ antikolonialen Bewegung stilisiert. Regierungen fürchteten seinen Einfluss, während in Deutschland kurz nach seiner Ermordung sein Name plötzlich als augenzwinkernde, exotisierende Bezeichnung für ein alkoholisches Mischgetränk auftauchte. Hinzu kommt, dass „Lumumba“ aus dem zentralafrikanischen Lingala stammt und „aufrührerische Massen“ bedeutet. Eine alternative Herleitung für ein ausschließlich in Europa verbreitetes Heißgetränk erscheint daher äußerst unwahrscheinlich.

Die Mechanik dieser Namensgebung ist typisch kolonial geprägt. Die „braune“ Kolonialware Kakao, kombiniert mit einem fremd klingenden afrikanischen Namen, reichte offenbar aus, um einen kolonial codierten Alltagswitz zu erzeugen, der sich unbefangen verkaufen ließ. Der politische Mensch Patrice Lumumba, der für Unabhängigkeit, Integrität und afrikanische Souveränität stand, wurde von der deutschen Unterhaltungskultur als konsumierbares, vermeintlich „exotisches“ Produkt vermarktet.

Dass diese Benennung kaum Anstoß erregte, spiegelt das damalige gesellschaftliche Klima wider. Koloniale Gewalt und ihre Opfer waren im öffentlichen Bewusstsein weitgehend unsichtbar. Während Lumumbas Ermordung und Zerstückelung afrikanische Befreiungsbewegungen prägten, verwandelte dieselbe Geschichte in Deutschland seinen Namen in ein alkoholisches Heißgetränk, das bis heute von vielen kaum hinterfragt wird.

Diese Sprachgeschichte offenbart eine schmerzhafte Diskrepanz: Auf der einen Seite steht der afrikanische Kampf um politische Selbstbestimmung; auf der anderen eine europäische Konsumkultur, die den Namen eines ermordeten Staatsmanns zu einem flapsigen Getränketitel verharmlost. Ein Name, der Würde, Widerstandskraft und antikolonialen Kampf symbolisiert, wurde entmenschlicht und zu einem zynischen Markenetikett gemacht.

Die Weiterverwendung von Lumumbas Namen zeigt, wie tief koloniale Denkweisen in die weißdeutsche Gesellschaft eingesickert sind – und welche Folgen das bis heute hat. Jeder Mensch, der auf dem Weihnachtsmarkt einen „Lumumba“ bestellt, trägt – bewusst oder unbewusst – dazu bei, die Entwürdigung eines ermordeten afrikanischen Staatsmannes fortzuführen. Für Schwarze Menschen, die um die historische Realität von Lumumbas Ermordung wissen, kann ein Besuch auf einem Weihnachtsmarkt zur Belastung werden. Das fröhliche Treiben wird überschattet von der Erfahrung, dass der Name eines brutal ermordeten Freiheitskämpfers hier als harmlose Bestellnummer zirkuliert.

Auch für Schwarze Menschen, die diese Geschichte nicht kennen, wirkt die Bezeichnung verletzend. Der Begriff klingt wie ein Spottbild, dessen koloniale Konnotationen intuitiv spürbar sind – selbst ohne detailliertes historisches Wissen. Der Effekt bleibt derselbe: eine Atmosphäre, die ausgrenzt, herabsetzt und zeigt, dass Schwarze Biografien und Körper in der deutschen Alltagskultur nach wie vor auf problematische Weise verfügbar gemacht werden.

Die Nutzung des Getränkenamens berührt genau jene Diskriminierungsdimensionen, vor denen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz schützen soll – Herabwürdigung, Benachteiligung und die Schaffung eines feindlichen Umfelds aufgrund der Hautfarbe oder ethnischen Herkunft.

Dass Veränderungen möglich sind, zeigte sich im vergangenen Jahr in Kassel. Ein Mitglied unserer Initiative Side-by-Side machte Kassel Marketing auf die historische Tragweite und die entwürdigende Wirkung des Getränkenamens aufmerksam. Nach anfänglicher Abwehr im Dezember 2024 reagierte der Veranstalter schließlich offen. Die ausführliche Erläuterung der Geschichte Patrice Lumumbas und der kolonialen Konnotationen des Begriffs führte zu einer wichtigen Einsicht.

In die Verträge der Ausstellerinnen und Aussteller wurde daraufhin festgelegt, dass ab dem diesjährigen Weihnachtsmarkt 2025 keine Waren mehr mit rassistischen oder diskriminierenden Begriffen ausgezeichnet werden dürfen. Wörtlich heißt es im Vertrag:

„Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verbietet Diskriminierung. Die Auszeichnung von Waren mit rassistischen oder diskriminierenden Begriffen seitens der Schausteller / Aussteller ist zu unterlassen. Falls festgestellt werden sollte, dass rassistische oder diskriminierende Begriffe jedweder Art verwendet werden, werden die Schausteller / Aussteller aufgefordert, diese umgehend zu entfernen.“

Damit steht eindeutig fest, dass das Getränk unter der Bezeichnung „Lumumba“ auf dem Kasseler Märchenweihnachtsmarkt nicht mehr angeboten werden darf. Dies ist ein kleiner, aber wichtiger Schritt: weg von der gedankenlosen Tradierung kolonialer Herabsetzung und hin zu einer verantwortungsvollen, würdigen Erinnerungskultur.

Bild von Patrice Lumumba. Quelle: Wikimedia

1.12.2025

Pressemitteilung Projekt-Initiative SIDE BY SIDE

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