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    Direkter Kontakt:

    Klaus Schaake
    Tel. 0561 – 475 10 11
    post@mittendrin-kassel.de

     

    Gefördert bis Ende 2019 durch:

    Raus aus dem Kopf

    Im Kasseler Malort ist Platz für Neugierde und Spiel. Hier lehren Körper, Geist und Pinsel was in uns steckt: stille Begeisterung und Selbstwirksamkeit.

    Mit einer enormen Geschwindigkeit eilt die Straßenbahn ihre Schienen entlang, um eine Verspätung aufzuholen. Sie ist proppevoll. Kinder, die sich an ihre Eltern klammern, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, während ein Mann mittleren Alters, der sich energisch an einer Stange festkrallt, genervt telefoniert. Kassels Trubel, eingeengt in den kleinen Raum der voll besetzten Straßenbahn. Ein erleichterter Seufzer von denen, die an der nächsten Haltestelle aussteigen können. Ein kurzer Augenblick, schon ist die Bahn und darin alle Mitreisenden wie durch einen Zauber verschwunden.

    Ein geschützter Raum für die Seele
    Zwischen den prunkvollen Altbauten auf der Kasseler Goethestraße, steht ein Haus mit einem kleinen unauffälligen Klingelschild. In ihm, versteckt im zweiten Stock, befindet sich ein Raum, wie kein anderer. Noch stehen die großen Fenster offen und lassen die kalte Frühjahrsluft hinein, doch schon bald verschließt sie Johannes Wettengel und aus dem luftig hellen Raum wird ein großer Quader, voller Farbkleckse. Jede einzelne Wand dient als Malunterlage. In der Mitte des Raums liegen in einer langen Reihe auf einem Palettentisch 18 Tiegel, gefüllt mit bunten Farben, die einen sonderbaren Duft, der an Marzipan erinnert, ausstrahlen. „Die Farben werden auf der Basis von Kartoffelmehl hergestellt“, erklärt Johannes Wetten gel. Alles hier strahlt eine eigentümliche Ruhe aus. Ein Kontrast zur hektischen Außenwelt.
    Wer hier hinkommt, hat sich entschieden ein Abenteuer zu wagen. Keine Probestunde, kein Hineinschielen, kein Vergleich. Menschen, die in den Malort kommen, vereinbaren mit Johannes Wettengel mindestens für ein Jahr am Malspiel teilzunehmen. Jede Woche aufs Neue, immer zur gleichen Zeit mit den gleichen Personen: „Das ist wie ein Ritual.
    Denn wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Wenn wir etwas verändern wollen, braucht es Zeit und Raum. Niemand lernt von heute auf Morgen Klavierspielen, niemand kann von heute auf Morgen das Besondere des Malspiels erfahren.“

    Der Malort Kassel bietet Platz für Entfaltung und Kreativität.

    „Das Malspiel fördert Selbstwirksamkeit“
    Das Konzept, eine Entdeckung des in Kassel geborenen Pädagogen Arno Stern, ist frei von Vorgaben aber nicht ohne Spielregeln: Jede Person malt, was ihr in den Sinn kommt. Ohne Wertung, ohne Eingriff von außen. „Der Körper weiß, was du malen willst. Das passiert ganz von allein“, erklärt Johannes Wettengel. Kinder wie Erwachsene kommen hier gemeinsam hin, malen, ohne sich zu vergleichen: „Wichtig ist, dass wir nichts bewerten. Auch wenn ein Kind fragt, ob das schön ist, was es gemalt hat. Das fiel mir am Anfang schwer. Stattdessen antworte ich zum Beispiel: Ich sehe, dass du dich freust. Ich freue mich mit dir! Wir alle werden von klein auf beurteilt. Wenn ein Kind hört ‚Das hast du gut gemacht‘, malt es das, was die Erwachsenen sehen wollen. Natürlich, denn es möchte wieder gelobt werden. Das bedeutet aber, dass letztendlich das Kind etwas vorspielt. Das ist Kalkül, da ist keine Kreativität mehr drin, deswegen werte ich hier nicht.“
    Alle Spielregeln basieren auf Erfahrungen, die Arno Stern in weit über siebzig Jahren Malort gesammelt hat. Akribisch und wissenschaftlich gestützt hat er erforscht, was passiert wenn Menschen malen, ohne dass ihre Werke gewertet werden. Seine Beobachtung: Weltweit malen Menschen unabhängig von Herkunft und Bildung ähnliche Dinge, archetypische Strukturen, bildhaftes und Muster. Diese auffälligen Wiederholungen und Muster folgen Entwicklungen und Gesetzmäßigkeiten die Arno Stern „Formulation“ nennt: „Es gibt typische Dinge, die wir alle in Spuren hinterlassen, die tauchen immer
    wieder auf und doch malt jeder Mensch seine eigene Spur. Das Schöne ist, dass wir an Orten wie diesen mit anderen Menschen verbunden fühlen können, obwohl jeder an seinem eigenen Bild malt. Niemand spricht darüber, was da entsteht. Um das Bild an sich geht es tatsächlich nicht. Es entstehen Spuren. Unbedacht, unbekannt und unbewusst. Wir nehmen Kontakt zu unserem Körper, unseren Körperzellen auf und kommen raus aus dem Kopf.“ Für Johannes Wettengel ist das ein erhabener Moment: „Das Malspiel ist keine Therapie, aber wie Arno Stern sagte, glaube ich auch, dass es eine Therapie vielleicht vorbeugen kann. Es hat etwas sehr Selbstwirksames.“
    Jede einzelne Spur wird datiert, mit Namen versehen und archiviert. Keines der Bilder verlässt den Raum. Eine wichtige Vereinbarung zwischen Teilnehmenden und Johannes Wettengel, denn: „Wir selbst sind unsere größten Kritiker. Warum will ich ein Bild mit nach Hause nehmen? Um es zu bewerten. Ist es schön? Ist es hässlich? Ich habe in den letzten zehn Jahren mehrere Tausend Bilder gesammelt. Bisher hat niemand seine Bilder wieder sehen wollen.“

    „Wir lernen mit Begeisterung!“
    Malen kann jeder: Darin ist sich Johannes Wettengel sicher: „Wer als Kind gesagt bekommen, hat er könne nicht malen, ist selbstverständlich zunächst unsicher, aber wenn man für sich malt, aus Freude an der Tätigkeit heraus passiert etwas ganz Besonderes: Wir malen mit Begeisterung. Und Begeisterung, darin ist sich die Wissenschaft inzwischen sicher, braucht unser Gehirn, um zu lernen!“ Im Malspiel geht es nicht um Gewinnen oder Verlieren. Es ist ein Spiel, dass Neugierde, Fantasie und Kreativität anregt. Es ist ein geschützter Ort, an dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen, um ohne Wertung achtsam den Moment des Malens zu zelebrieren. „Seit ich den Malort betreibe, bin ich auch in meinem Hauptjob als Architekt mit viel größerer Begeisterung dabei. Der Malort hat mich eine spielerische Leichtigkeit gelehrt, für die ich nur dankbar sein kann. Das Malspiel ist für alle da, doch es braucht Offenheit und Neugierde, sich darauf einzulassen. Es wird Menschen die Chance gegeben, sich frei und unbelastet zu fühlen, wie es sonst in unserer Gesellschaft nur noch schwer möglich ist.“

    01.06.2026

    Die Autorin Johanna Groß
    ist Filmemacherin, Fotografin und Geschichtenerzählerin. Sie interessiert sich für die tiefen Belange menschlichen Lebens und beobachtet gern Alltagsmomente. Bibliotheken durchforstet sie mit Freude nach neuen Inspirationsquellen.

    Dieser Artikel ist auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 127, Frühjahr 2026, S. 42
    >> hier zu lesen

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