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    Klaus Schaake
    Tel. 0561 – 475 10 11
    post@mittendrin-kassel.de

     

    Gefördert bis Ende 2019 durch:

    Das Zelt als Metapher

    Ein typischer Vertreter des Sakralbaus der Nachkriegszeit ist die Mutterhauskirche an der Goethestraße. In diesem Jahr feiert sie ihren 60. Geburtstag. Ein Blick zurück und nach vorn.

    Ein zeltförmiges Dach, bodentief heruntergezogen und in Kreuzform gestaltet, daneben ein Glockenturm: So kennen viele Menschen die Mutterhauskirche des Kurhessischen Diakonissenhauses – zumindest „vom Vorbeifahren“, denn als Fahrradstraße im Vorderen Westen ist die Goethestraße gut frequentiert und die Goetheanlage lockt mit ihrem Spielplatz Familien in großer Zahl.

    Die Kapelle von innen kennen hingegen die Wenigsten. Jahrzehntelang diente die Mutterhauskirche vor allem als Anstaltskapelle und geistliches Zentrum der Diakonissen. Die Frauen wohnten im benachbarten Diakonissenmutterhaus in einer „Dienst- und Lebensgemeinschaft“. Ein Teil der Schwestern arbeitete im benachbarten Diakonissenkrankenhaus, den heutigen Agaplesion Diakonie Kliniken Kassel.

    Damals eine Gemeinschaft von 500 Diakonissen
    Die Mutterhauskirche feiert 2022 ihr 60-jähriges Bestehen. Mit einem Gottesdienst wurde sie am 6. Mai 1962 ihrer Bestimmung übergeben. Auf dem heutigen Diakonissencampus, dem Areal zwischen Goethe- und Herkulesstraße, Huttenstraße und Kirchweg, ist sie nicht die erste Kapelle. Ein 1884 eingeweihter Vorgänger im neogotischen Stil war mit dem alten Diakonissenkrankenhaus verbunden und wurde 1944 bei einem Luftangriff zerstört. Eine Gedenkstele mit originalen Bauelementen und Fotos erinnert an der Ecke Kirchweg an den alten Standort.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten sich die Diakonissen, damals über Nordhessen verteilt noch eine lebendige Gemeinschaft von rund 500 Schwestern, zunächst mit einer Notkirche behelfen. Der Wiederaufbau des Diakonissenkrankenhauses bis 1954 hatte Vorrang. Die Bestrebungen zum Bau einer neuen Mutterhauskapelle für die täglichen Andachten der Hausgemeinde erlahmten indes nicht – auch Kranken, Patienten und Angehörigen sollte sie offenstehen. Wirtschaftswunder und große Spendenbereitschaft machten den Bau möglich, 1960 begannen die Arbeiten.

    Filigrane Betonkonstruktion mit farbigem Glas
     Zeittypisch ist die moderne Formen- sprache des Sakralbaus, den ein verklinkerter Funktionstrakt samt Flachdach mit dem Mutterhaus verbindet. Bewusst entschied sich der Architekt gegen historisierende Elemente. Gerade die jüngeren Diakonissen waren es, die bei der Gestaltung des Baus eigene Ideen einbrachten. „Sie sind es, die künftig diese Kirche mit Leben füllen werden“, sagte die langjährige Oberin Elfriede Schröder damals.

    Entworfen hat den Bau der Kasseler Architekt Wolfgang Haeseler. Mit dem Zeltdach wählte der Architekt für die Mutterhauskirche eine Formensprache, die im Kirchenbau der Nachkriegsjahrzehnte in großer Variationsbreite vorkommt. Das Zelt als Metapher für das Volk Israel, das auf seiner Wanderung Rast und Ruhe findet. Und sei es nur vorübergehend. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“, heißt es in der Bibel. Bemerkenswert ist die kreuzförmige Ausrichtung mit dem an den vier Ecken bis zum Boden heruntergezogenen, mit Schiefer eingedeckten Dach auf einer Beton-Stahlskelett-Konstruktion. Die durch farbiges Glas in Betonwaben gestalteten vier Giebelwände variieren wie die Dachflächen die Form eines gleichschenkligen Dreiecks und tragen die Bildsymbole Kreuz, Herz und Anker: für Glaube, Liebe und Hoffnung.

    Das für die Nachkriegsmoderne typische, schlichte Innere der Kapelle besticht bei Sonnenlicht durch das Buntglas in ganz eigener Atmosphäre. Wegen der dunklen, hölzernen Innenschalung des Daches, das über lange Bankreihen emporstrebt, kann der Bau bei schwachem Licht aber auch leicht düster wirken. Der separat stehende Glockenturm, der das Zeltdach-Motiv aufnimmt, entstand 1983.

    Die frühere Anstaltsgemeinde gehört heute der Vergangenheit an. Tägliche Andachten für die wenigen verbliebenen Schwestern gibt es nicht mehr, die typische Tracht der Diakonissen mit ihrer weißen Haube ist aus dem Alltag weitgehend verschwunden. Gesellschaftlicher Wandel, veränderte Rollenmodelle und neue berufliche Chancen führten dazu, dass die Lebensform als Diakonisse seit den 1960er Jahren für immer weniger junge Frauen attraktiv war. Die letzten Diakonissen sind vor einigen Jahren aus dem Mutterhaus ausgezogen und verbringen in umliegenden Wohnungen ihren „Feierabend“.

    Zukunftsfähige Nutzungen ermöglichen
    Inzwischen bewohnen junge Studierende der CVJM-Hochschule zwei Etagen des Mutterhauses, im alten Speisesaal und weiteren Sälen finden Lehrveranstaltungen statt. Die drei Partner auf dem Diakonissencampus – Stiftung Kurhessisches Diakonissenhaus, Agaplesion Diakonie Kliniken und CVJM-Hochschule – befinden sich in intensiven Gesprächen über die künftige Nutzung des gesamten Areals.

    Aufbau und Umbau, Abbau und Neugestaltung: Symbolisch steht das Zeltdach der Mutterhauskirche damit auch für den Wandel der praktischen sozialen Arbeit der Diakonissen und für eine zeitgemäße Neuinterpretation ihres diakonischen Auftrags. An diesem Standort reicht er bis 1883 zurück – und weist in veränderter Form als Dienst am Menschen zugleich in die Zukunft.

    Text und Bilder: Albrecht Weisker

    Der Architekt der Mutterhauskirche
    Wolfgang Haeseler (1929-2008) entwickelte sich zum Hausarchitekten des Diakonissenhauses; teils mit Büropartner Kurt von Wild. Der 1970 entstandene, inzwischen durch einen Neubau ersetzte Krankenhaustrakt am Kirchweg sowie der markante Riegel des Altenheims „Haus Salem“ (1976) in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche stammen ebenfalls von Haeseler. In Kassel entwarf er auch die Jakobuskirche in der Siedlung Eichwald (1966), das Haus der Kirche in der Wilhelmshöher Allee (1970er-Jahre) und das Hochhaus der Brandkasse an der Kölnischen Straße (1974), heute Sparkassenversicherung.

    15.07.2022

    Ein Dankeschön an die Architektur- und Planungsbüros aus Kassel und Region, die die StadtZeit-Berichterstattung zu Themen rund um Architektur, Städtebau und Baukultur fördern.


    Der Autor:

    Albrecht Weisker, studierter Historiker und ausgebildeter Journalist, ist seit Jahren in der Kommunikationsbranche tätig. In der Stiftung Kurhessisches Diakonissenhaus Kassel verantwortet er seit kurzem den Bereich Unternehmens- kommunikation und Fundraising.


    Auch im StadtZeit Kassel Magazin, Ausgabe 110, Juni/Juli 2022
    >> hier zu lesen

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