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    Direkter Kontakt:

    Klaus Schaake
    Tel. 0561 – 475 10 11
    post@mittendrin-kassel.de

     

    Gefördert bis Ende 2019 durch:

    EinWurf

    Exerzitien in der Fläche – Erinnerungen an Karl Oskar Blase.

    Kalter Wind strich durch die Bäume und ließ die kleine Scharfrösteln. Nur wenige waren gekommen, um mitzuerleben, wie das von Karl Oskar Blase entworfene Grabdenkmal in der Künstlernekropole seiner Bestimmung zugeführt wurde – dies meine letzte Erinnerung an eine Person, mit der ich über lange Zeit in mancherlei Hinsicht zu tun hatte. Seit April dieses Jahres zeigt das „documenta archiv“ eine knappe Materialpräsentation von und zu
    Karl Oskar Blase. Grund genug, um hier aus sehr persönlicher Sicht einige ebenso knappe Erinnerungen an den Graphik Designer einzuwerfen, darf ich mich doch mit einigem Recht einen Blase-„Schüler“ nennen: Was ich über grafische Gestaltung weiß und anwenden konnte, weiß ich von ihm.
    Wir hätten es ahnen können: Als unsere studentische Arbeitsgruppe Anfang der 1970er-Jahre daranging, dem „Hessenlöwen“ die goldenen Krallen
    zu ziehen und auch an weiteren Körperpartien dem Staatssymbol formal verschlichtend zu Leibe zu rücken, war das Projekt zum Scheitern bestimmt: Manipulationen am Herrschaftssymbol konnten die Landesherren keinesfalls dulden. Der fortschrittlich gemeinte Zugriff auf das Wappentier war Teil eines Gestaltungsauftrags, den uns Karl Oskar Blase als Lehrender für „Kunst und visuelle Kommunikation“ an der Kasseler Hochschule für bildende Künste vermittelt hatte. Es ging dabei um nichts weniger als um ein neues Rahmenlayout für sämtliche Drucksachen aller Ministerien der Hessischen Landesregierung. Obwohl die Entwürfe aus besagtem Grund in ministerialen Schubladen verschwanden, konnte das sogenannte „Hessen-Layout“ als ein Musterbeispiel für die Verbindung von Theorie und Praxis, von Ausbildung und Ernstfall in Form von Gruppenarbeit gelten, wie sie Karl Oskar Blase als Spezialität in seine Lehre einbezog. Wenn auch offensichtlich etwas zu progressiv geraten, so konfrontierte uns das aufwändige, mehrsemestrige Projekt doch mit allen gestalterischen und reprotechnischen Belangen des vordigitalen Zeitalters. (Und das Honorar für „nichtveröffentliche Entwürfe“ brachte mir immerhin eine neue Stereo-Anlage ein.)
    Deutlich glücklicher verliefen andere praxisbezogene Vorhaben außerhalb des Akademie-Biotops: beispielsweise der städtische Auftrag für ein Orientierungssystem in den publikumsfeindlichen Verästelungen der Fußgängerunterführungen „Trompete“ und Altmarkt. Reste davon haben – wenngleich zur Unkenntlichkeit überarbeitet – bis heute überdauert. Zusammen mit dem Gebäude verschwunden hingegen ist die Wandgestaltung der Eingangshalle im Kinderkrankenhaus an der Wilhelmshöher Allee.

    Näheren Einblick in Karl Oskar Blases grafisches Denken und seine ästhetischen Prinzipien ermöglichte mir das Privileg eines Jobs als studentische Hilfskraft und Tutor für „Theorie der visuellen Sprache“. Semiotik hieß das Zauberwort der Zeit, unter dem Blase in seinem (inzwischen zur „Organisationseinheit“ der Gesamthochschule heruntergekommen) Lehr- und Lernbetrieb kreative Praxis mit aktueller Theorie verband. Da wurden dann die Plakatkampagnen der Parteien zur Bundestagswahl 1972 kritischen zeichentheoretischen Analysen unterzogen, ebenso die Strukturen der Bericht
    erstattung der „Tagesschau“ (seinerzeit das Leitmedium der gesell
    schaftspolitischen Orientierung). Später dann, in Zeiten, in denen noch Briefe geschrieben wurden, stand mir während meiner kulturamtlichen Tätigkeit der von Blase entworfene Briefkopf – die topografische Lage der Stadt zwischen
    Bergpark und Fulda-Aue sinnfällig zum Ausdruck bringend – tagtäglich unausweichlich vor Augen. Darüber hinaus ergaben sich immer wieder Chancen zur Zusammenarbeit: zum Beispiel beim Katalog der Kunstwerke der „documenta-Foundation“ oder der Dokumentation des Arnold-Bode-Preises 1980-2000; als Kuratoriumsvorsitzen der hatte Blase entscheidenden Anteil an Zustandekommen und wachsender Reputation dieses inoffiziellen documenta-Preises, hervorgegangen aus den von ihm 1975 initiierten Geburtstagsgeschenken für den documenta-Gründer.
    Viele Zeugnisse der Omnipräsenz des Kommunikationsdesigners sind inzwischen aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden – es wäre lohnend, sie in größerem Rahmen in Erinnerung zu rufen. Denn wie kein Zweiter hat Karl Oskar Blase über Jahrzehnte hinweg die visuelle Kultur der Stadt geprägt. Für zahlreiche Institutionen wirkte er imagebildend: Unter anderem können „Evangelisches Forum“, „Nordhessischer Kultursommer“ und „Kasseler
    Musiktage“ ein Lied davon singen. Von den Vorstellungen des Kommunikationsdesigners profitierte neben der documenta besonders auch das Staatstheater, dessen Erscheinungsbild er von 1966 bis weit in die 1970er-Jahre definierte. Die Ausstellung „Das Design der Kultur“ im Südflügel des Kulturbahnhofs bot mir 1999 die Möglichkeit, seine Stückplakate aus sämtlichen Spielzeiten einmal vollzählig aufzublättern.
    Trotz gelegentlicher Ausflüge ins Dreidimensionale war Karl Oskar Blase ein Mann der Fläche. Bei der Organisation grafischer Zeichen im Rahmen vierseitig begrenzter Zweidimensionalität gelangen ihm stets überzeugende Lösungen. Sie wirken bis heute maßstabsetzend, waren sie doch präzise und konsequent aus den zu vermittelnden Inhalten heraus entwickelt. Die Klarheit der Bauhaus-Tradition verband sich mit einer aus den Anforderungen der
    Gegenwart abgeleiteten Formensprache: eine visuelle Hygiene, die
    mit allem aufräumte, was zuvor als gestalterische Normen gebraucht und missbraucht worden war.
    Unsere finale Begegnung war dann am „Blauen See“ vor seinem Grabdenkmal „Momentum“, dem Symbol des Sehens und Gesehenwerdens, dem Ausdruck jenes fruchtbaren Augenblicks, in dem das Sehen zum Erkennen wird. Dort hatte ich an jenem kalten Tag im Jahr 2018 die Ehre, ihn mit einer Grabrede zu bedenken.
    „Das Auge ist das Herz der Kunst“, lautete sein Credo. Es findet sich eingraviert in die Lehne der hölzernen Sitzbank gegenüber der Skulptur.

    26.08.2025

    Der Autor Harald Kimpel
    studierte Kunstpädagogik und Kunstgeschichte in Kassel und Marburg. Er ist tätig als Kunstwissenschaftler, Kurator und Autor. Für die StadtZeit kümmert er sich in der Kolumne „EinWurf“ regelmäßig um erfreuliche oder unerfreuliche Begebenheiten im Kulturbereich.

    Diesen Artikel auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 124, Sommer 2025, S. 58
    >>hier zu lesen

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