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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-06-11 13:08:472026-06-11 13:15:02Grischäfers Kaisernacht im Staatstheater KasselEinWurf
Der Kleiderständer am Obelisken
Von den Schwierigkeiten beim Kunstwerkbeschildern.
Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen zerschmettert werden wird. Deshalb hat auch die Stadt die Faust im Wappen.“ Das prophezeite Schicksal, das in Franz Kafkas Skizze „Das Stadtwappen“ jener Stadt bevorsteht, die am Bau eines babylonischen Turmes scheitert, hat die Stadt Kassel bereits seit 80 Jahren hinter sich. Deshalb trägt sie als Zukunftssymbole Kleeblätter im Wappen, während sie unverdrossen an der Obsession des babylonischen Turms einer Weltkunstausstellung weiterbaut. Und dieser hat im Laufe seiner Bauzeit eine Anzahl hinterbliebener Außenkunstwerke hervorgebracht, die das Kernpotenzial der Kunst im öffentlichen Stadtraum ausmachen. Lange Zeit standen die Objekte anonym im urbanen Gelände, was irreführende Notnamen wie „Himmelsstürmer“ (Volksmund) oder „Landschaft im Dia“ (Kassel Marketing) ermöglichte.
Allerdings war das Verschweigen der Werke keiner Vernachlässigung geschuldet. Denn wie – und vor allem wo – beschriftet man Laserstrahlen? Wie kennzeichnet man einen Erdkilometer, wenn man die Anweisung des Künstlers nicht befolgen mag? Wie beschildert man 7000 Eichen und ebenso viele Steine? Jedes Kunstwerk stellte dem Versuch einer objektnahen Kennzeichnung seine individuelle Problematik in den Weg, sodass alle ernsthaften Bemühungen um ein vereinheitlichendes Konzept zum Scheitern verurteilt waren. Der Mangelzustand blieb erhalten, bis die Verantwortlichen kurzerhand sämtliche Bedenken missachteten und eine Serie von Notlösungen
installierten – das Unding einer Metallplakette unmittelbar neben Walter De Marias Sandsteinplatte als Beispiel. Vorhersehbar hatte die bodengleiche Verlegung mancher Informationstäfelchen die unvermeidbare Verschmutzung und den Abrieb der gravierten Angaben zur Folge. Von Vorteil war hingegen, dass sich die Info-Elemente mit den Primärdaten zufriedengaben und per QR-Code auf weiter führende Fakten und die Rundgänge zu den Werken verwiesen.
Dann schlug die Stunde der neuen Besen, die hinwegfegten, was bislang die Objektkennzeichnung zu einem ästhetischen Dilemma gemacht hatte. Bereits zuvor war dem Veränderungstrieb das Bekenntnis zur documenta zum Opfer gefallen: Zu einem Zeitpunkt, zu dem die Ausstellungsreihe jede Unterstützung dringend benötigte, ging die Stadt auf Distanz und suchte Zuflucht hinter einem überlebten Hoheitszeichen. Im Moment höchster Gefahr ließ sie ihr kulturelles Alleinstellungsmerkmal fallen, um mit der Wiederkehr des Wappens ihr avantgardistisches durch ein feudales Image zu ersetzen. Möglicherweise traf diese Strategie den Zeitgeist: Nachdem die neue Weltunordnung das Ende der Globalisierung eingeläutet hatte, fiel auch das nordhessische Gemeinwesen zurück in heraldische Heimattümelei.
Seinerzeit war es ein Triumph der documenta, es auf die Ortsschilder und darüber hinaus in das Corporate Design der Stadt Kassel zu bringen. Hatte Karl Oskar Blases Entwurf das Stadtwappen in eine Berg-und-Tal-Symbolik eingebunden und den Schriftzug „documenta-Stadt“ als Basis eingesetzt, verschwand beim Update 2013 zusammen mit dem Wappen zugleich der orthografisch zwingende Bindestrich. Im Zuge der allgemeinen Entregelung des Schreibgebarens traten die Komponenten „Kassel“ „documenta“ „Stadt“ unverbunden nebeneinander an – Konsequenz der Doktrin eines sich insbesondere auch in Fließtexten unschön und sinnentstellend auswirkenden Verbindungsverbots zwischen dem Markenzeichen documenta und allen anderen Begriffen. (Mark-Christian von Busse hatte bereits auf diese „modische Albernheit“ so deutlich wie vergeblich hingewiesen.)

Die aktuelle Logo-Modifikation beseitigte den Bindestrich-Verlust, wobei sie „Stadt“ und „documenta“ gleich mitbeseitigte. Als Ersatz wurde jene wappentechnische Aufrüstung vollzogen, mit der man neuerdings auch gegen die Außenkunstwerke in Deckung geht: Hauptmodul des renovierten Beschriftungskonzepts ist eine schwarze Platte in Form des wiederbelebten Wappenschildes, der – um die Verwirrung komplett zu machen – gemäß der neuen „Logo-Hierarchie“ die „documenta“ und die „Stadt“ zurück aufs Tapet bringt.
Mit all dem perspektivlosen Hin und Her war wenig gewonnen: Momentan zeigt sich, dass die bodengleiche Verlegung prompt wieder zum bekannten Lesbarkeitsverlust führt. Als Alternative kommt daher gelegentlich ein klumpfüßiger Kleiderständer zum Einsatz: ein ungelenkes Gestell als Komposition eines klobigen Betonsockels, einer vertikalen Stange von unmotivierter Höhe, einer angeschweißten Texttafel sowie eines Pfeilkompasses in Richtung weiterer Kunststandorte. Nicht weniger unbeholfen tritt die Zwischenlösung des betonierten Elefantenfußes vor Oldenburgs Spitzhacke oder Kirkebys Backsteinbau auf. Das Zentrum der ästhetischen Missgriffe bildet jedoch der Cluster aus fünf schwarzen Info-Wappen schräg an der Mauer des Friedrichsplatzes – ein tristes Arrangement mit der Anmutung einer Kriegsgräbergedenkstätte.
Im Gewirr der Fakten und Formen bilden die zweisprachigen Werkinterpretationen eine eigene Problemzone: wie KI-generiert er scheinende Texte, deren synkretistisches Deutungsbabel zurückfällt hinter dem, was die Künstler selbst und die bislang gültigen Informationen zu den Kunstwerken angeboten hatten. Neophyten sind eben doch kein „Unkraut“, und Walter De Marias Erdkilometer besteht keineswegs aus einem „Bohrloch“.
Mit dem Heavy-Metal-Aufwand der informationellen Werkarmierung ist nun auch bei der kommenden Weltkunstausstellung die Stadt, die nicht mehr nur documenta-Stadt sein will, gegen die Kunst gewappnet. Sollte ein Außenkunstwerk übrigbleiben, müsste bei dessen Beschilderung dafür gesorgt werden, dass wenigstens die Fakten stimmen – von der formalen Lösung ist das wohl nicht mehr zu erwarten.
26.05.2026
er sich in der Kolumne „EinWurf“ regelmäßig um erfreuliche oder unerfreuliche Begebenheiten im Kulturbereich.
Dieser Artikel ist auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 127, Frühjahr 2026, S. 51
>> hier zu lesen








Sylwester Pawliczek
Sylwester Pawliczek
Stadt Kassel, Vermessung und Geoinformation

