https://mittendrin-kassel.de/wp-content/uploads/2026/01/ausschnitt-csm_howlong_A3plakat_2026_kassel_01_B_d70da93e98.jpg
687
859
Iryna Sauerwald
https://mittendrin-kassel.de/wp-content/uploads/2019/10/logo-m.png
Iryna Sauerwald2026-02-05 06:44:222026-02-04 16:45:06How long is now?Vernunft als Kompass im Klimawandel
Mojib Latif erhält Bürgerpreis „Glas der Vernunft“ 2025
Der Meteorologe, Ozeanograf und Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif ist mit dem Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ ausgezeichnet worden. Die mit 20.000 Euro dotierte Ehrung wurde zum 34. Mal verliehen. Latif gilt als einer der profiliertesten Wissenschaftsvermittler im deutschsprachigen Raum und wurde für seine klare Sprache und seinen unermüdlichen Einsatz geehrt, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel verständlich zu machen und in konkrete Handlungsoptionen zu übersetzen.
„Mojib Latif hat seit vier Jahrzehnten wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage vernünftigen Handelns verteidigt. Er steht für die Gestaltungskraft, Signalwirkung und Vorbildfunktion, die auch beim Klimaschutz in einer Allianz der Willigen liegt“, sagte Prof. Dr. Wilfried Sommer, Vorsitzender des Vorstandes der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Preises. Latif, Autor zahlreicher Bücher und mehrfacher Preisträger, weist in seinen Publikationen immer wieder darauf hin, dass mit dem menschengemachten Klimawandel nicht nur das „lebensfreundliche Antlitz“ der Erde gefährdet ist, sondern auch die Tragfähigkeit der Vernunft. Naturgesetze seien nicht verhandelbar, Kompromisse mit dem Planeten unmöglich. Der „Wert der Wahrheit“ bleibe, so Latif, das Fundament unseres Handelns.
Die Festrede hielt Prof. Dr. Ricarda Winkelmann, Gründungsdirektorin des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie in Jena und „Nachwuchswissenschaftlerin des Jahres 2018“. Sie beleuchtete das Verhältnis von Mensch und Erde anhand wissenschaftlicher Beispiele. Die Laudatio übernahm Prof. Dr. Thomas Jung, stellvertretender Direktor des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven und Sprecher des Forschungsprogramms „Changing Earth – Sustaining our Future“. Jung ist ein langjähriger Wegbegleiter Latifs.
Am Tag vor der Preisverleihung diskutierten bereits Schülerinnen und Schüler der Kasseler Schulen mit Oberstufengymnasium, Teilnehmende der Kasseler Jugendsymposien und Studierende der Universität Kassel im UNI:Lokal der Universität mit Mojib Latif. Im Vorfeld der Preisverleihung verdeutlichte er: „Wir müssen unsere Demokratie und die Freiheit der Wissenschaft gegen Angriffe verteidigen, damit wir eine gute Zukunft haben.“
Der Preis wurde am 28. September 2025 um 11.30 Uhr im Opernhaus des Staatstheaters Kassel an Mojib Latif übergeben.

Mojib Latif, Foto: Jann Wilken
Mojib Latif begann seine wissenschaftliche Karriere in Hamburg, wo er auch promovierte und habilitierte. Am dortigen Max-Planck-Institut für Meteorologie widmete er sich bereits der Vermittlung des Themas der Klimaveränderung in der Öffentlichkeit. 2003 wurde er als Professor an die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel berufen und leitete ab 2004 den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik am damaligen Institut für Meereskunde Kiel, dem heutigen GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel. Stets hat er seine Expertise auch auf internationaler Ebene eingebracht,
unter anderem als Mitautor der Berichte des Weltklimarates der Vereinten Nationen (IPCC).
Seit November 2017 ist er Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. Die Mitgliederversammlung der Akademie der Wissenschaften Hamburg hat ihn am 19. November 2021 zum Akademiepräsidenten gewählt.
Für seine Forschungsarbeit und seinen unermüdlichen Einsatz für den Klimaschutz erhielt er am 9. Oktober 2023 im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Latif habe zu den Forschungsergebnissen immer wieder konkrete Vorschläge für eine Umsetzung gemacht und in vielen Büchern den Klimawandel für eine breite Öffentlichkeit verständlich dargelegt, heißt es in der Begründung des Bundespräsidialamtes.
Der Bürgerpreis „Glas der Vernunft“
wurde 1990 von Kasseler Bürger:innen gestiftet. Anlass war die Öffnung der DDR-Grenze im November 1989. Der mit 20.000 Euro dotierte Preis ist seither 33-mal sowohl an Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, Politiker:innen und Naturschützer:innen als auch an Menschenrechts- und Hilfsorganisationen vergeben worden, die sich mit ihrem Wirken den Idealen der Aufklärung – Vernunft, Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Überwindung ideologischer Schranken – in besonderer Weise verdient gemacht haben.
Symbolisiert wird der Preis durch eine von dem Kasseler Kunstprofessor und documenta-Künstler Karl Oskar Blase gestaltete Skulptur: Ein Glasprisma im Oktogon. Das Glas steht für Transparenz und Zerbrechlichkeit, das Prisma für Aufklärung durch wissenschaftliche Analyse, das Oktogon für Vollkommenheit.
Die 1991 gegründete Gesellschaft der Freunde und Förderer des Bürgerpreises hat inzwischen weit über 500 Mitglieder – und zwar nicht nur aus Kassel und der Region, sondern aus nahezu allen Bundesländern sowie aus dem Ausland. Durch ihre Beiträge und durch Spenden wird der Preis sowie die Veranstaltung zur Preisverleihung finanziert. Der Vorstand des Vereins sowie die Mitglieder des Kuratoriums arbeiten ehrenamtlich.
Erster Preisträger war 1991 der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der die Auszeichnung für seine Verdienste um die Öffnung der DDR-Grenze erhielt. 2016 wurde Edward Snowden geehrt: Der ehemalige CIA-Mitarbeiter enthüllte die weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken
von Geheimdiensten, vor allem der USA. Er konnte den Preis in Kassel nicht in Empfang nehmen, weil er international mit Haftbefehl gesucht wird. Sein Glas der Vernunft befindet sich noch im Kasseler Stadtmuseum. Es steht für die Hoffnung, dass es Snowden eines Tages als freier Mensch in Empfang nehmen
kann.
Auf der Homepage www.glas-der-vernunft.de sind alle bisherigen Preisträger aufgeführt.











