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    Klaus Schaake
    Tel. 0561 – 475 10 11
    post@mittendrin-kassel.de

     

    Gefördert bis Ende 2019 durch:

    EinWurf

    Nachruf auf eine teure Billiglösung

     „Wenn die bunten Fahnen wehen“.

    Als die documenta jung war, hatten Palmen ihre festen Aufgaben in der dekorativen Grundausstattung. 1955 vertrieb vor dem Museum Fridericianum eine Reihe von Pflanzkübeln mit den exotischen Gewächsen – ein Gruß der Bundesgartenschau? – möglichen Provinzialismusverdacht gegenüber der „internationalen Ausstellung“ im Zonenrandgebiet. 1959 hatten dann dieselben Pflanzen – in den paar Jahren deutlich gewachsen und an denselben Stellen in denselben Kübeln wiederverwendet – dieselbe Aufgabe.

    Gleichzeitig kam Fahnenschmuck reichlich zum Einsatz. Während der Ur-documenta kündeten Nationalflaggen aller Herren Länder an der Dachkante des Fridericianums vom Flair der großen weiten Welt und der Erwartung auf ein polyglottes Publikum. Und bei der Folgeausstellung signalisierte dort, „wo 1933 Hakenkreuze prangten“ (documenta Archiv) ein roter Fahnenwald im Arnold-Bode-Design die ästhetische Umorientierung der Stadt, ihrer Gesellschaft und ihrer Events. Später dann hatte sich Bodes Befürchtung, im revolutionären Jahr 1968 könnten rote Fahnen auf den Kunstgebäuden wehen, nicht bewahrheitet, doch gelang 1972 KP Brehmer mit seinem Banner zur „Korrektur der Nationalfarben, gemessen an der Vermögensverteilung“ bei der 5. documenta ein überzeugender gesellschaftspolitischer Beitrag vor dem Fridericianum. Im Laufe der folgenden documenta-Jahrzehnte sind sowohl derlei botanische als auch textile Deko-Maßnahmen sichtlich verschrumpft – bis hin zu den Feierlichkeiten anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Veranstaltungsreihe.

    Seit dem 40. Jubiläum der documenta wurde jeder runde Geburtstag mit substanziellen Projekten gewürdigt. Unterschiedliche Formate setzten sich kritisch mit der Institution in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auseinander, erarbeiteten Teilaspekte oder nahmen das große Ganze in den Blick. Nun müssen wir vorliebnehmen mit der von Cosima von Bonin und dem Fridericianum inszenierten Stadtverpalmung: 7000 und noch viel mehr aufgeleinte Wimpelchen – mit gutem Willen als annähernd palmenförmig zu betrachten – beanspruchen die Lufthoheit über der Stadt. Höhe- und zugleich Tiefpunkt des Festprogramms ist eine Luftnummer, in deren Schützenfest- und Kirmes-Atmosphäre alles davonflattert, was dieses Jubiläum in komplizierter Zeit erfordert und ermöglicht hätte. Die Verjahrmarktung der documenta reduziert mit den Fröhlichkeitsappellen ihrer läppischen Läppchen sieben Jahrzehnte Erfolgs- und Skandalgeschichte auf problembefreite Wink-Elemente mit Begeisterungspotential.

    Verständlicherweise musste einiges an verbalem Argumentationsaufwand betrieben werden, um die Invasion der fliegenden Palmen mit weltkultureller und documenta-bezogener Bedeutung aufzuladen. Dem exotischen Gewächs wurde ein Symbolgehalt übergestülpt, den man ihm in dieser Massivität kaum zugetraut hätte. Joseph Beuys (der die Künstlerin erklärtermaßen nichts an
    geht) war da nicht zu hoch gegriffen, ist es doch im Kunstbetriebgängige Praxis, eigene Ambitionen als Hommage an die künstlerische Leitfigur des 20. Jahrhunderts zu veredeln. Doch die 7000 Eichen und Steine mit ihrer dauerhaften Präsenz bedürfen keiner „Erinnerung“; sie haben Stadt und Kunstverständnis nachhaltig verändert – was von der temporär-flatterhaften Palmenverkettung nicht zu erwarten ist. Die Palme im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit hat einen leichteren Stand als die reale Eiche im täglichen Überlebenskampf. Da somit für die windigen Wimpel eine einzige Referenz nicht hinreichend erschien, wurde noch Daniel Buren als Bezugsgröße bemüht, der 1972 den Würdeanspruch der documenta 7 leichtgewichtig ironisierte (und dessen Werk die Künstlerin mutmaßlich nicht gesehen hat).

    Ohne Mühe wären noch weitere Bezüge zur Palmen-Ikonografie aufzuspüren gewesen, die auf dem kulturellen Humus der documenta gedeiht. „Palmenhaine“ nannte beispielsweise Roger M. Buergel die Entspannungszonen mit Ai-Weiwei-Stühlen bei seiner documenta 12; und in Dominique Gonzalez-Foersters „Park“-Inszenierung zur documenta 11 wuchs ein veritables Exemplar in der Karlsaue. Dies und mehr mit unterschiedlichen Bedeutungsnuancen hätte jedoch gezeigt, mit welcher Beliebigkeit 2025 das Motiv in Anspruch genommen wird. So blieb es bei der kritik- und problembewusstseinslosen Akklamation der beiden männlichen Kunstvorbilder.

    Bei alledem darf der zeitgeistkompatible Partizipationsgedanke nicht fehlen. Doch die Verschenk-Aktion mit Do-it-yourself-Anleitung als die Erfüllung von Hilmar Hoffmanns sozialdemokratischer 1970er-Jahre-Forderung nach „Kultur für alle“ aus zugeben, ist – um das Mindeste zu sagen – ein Missverständnis. Der Bevölkerung Wimpelketten in die Hand zu drücken, um den Beschenkten zu suggerieren, sie seien nun Bestandteil eines Kunstwerks, garantiert noch keine Teilhabe an einer „Sozialen Plastik“. Die Beuys’sche These vom Jedermann-Künstler ist auf andere Weise zu verwirklichen, als das geschenkte Fähnchen nach dem Wind zu drehen.

    Das Fridericianum hält sich zugute, mit seinen Ausstellungen dem Nachhaltigkeitsgedanken verpflichtet zu sein; die Realität spricht eine
    andere Sprache. Entsorgen heißt nicht verschenken. Mehrere Tonnen Material werden daher wohl demnächst als Plastikmüll in den Weltmeeren auftauchen, wenn nicht gar über kurz oder lang auf den Brötchen in einem Fischgeschäft an der palmenumwehten Treppenstraße.
    Einzig stichhaltiges Argument für diese Kunst im öffentlichen Luftraum, in der offiziellen Legitimationsrhetorik kaum berücksichtigt: Wenn es mit dem Klimawandel so weitergeht, werden wir bald auch in unseren Breiten anstelle von Eichen mit Palmen zu rechnen haben.
    „Wenn die bunten Fahnen wehen“, heißt ein 90 Jahre altes „Fahrtenlied“. Wie ein Fähnchen im Wind war denn auch das Interesse der Künstlerin an ihrem grün-weißen Wimpel-Werk: Nach dessen Ablieferung war sie schon bald über alle Berge: „Kommt dann der Morgen, sind sie schon weiter, / über die Berge – wer weiß wohin.“

    06.11.2025

    Der Autor Dr. Harald Kimpel
    studierte Kunstpädagogik und Kunstgeschichte in Kassel und Marburg. Er ist tätig als Kunstwissenschaftler, Kurator und Autor. Für die StadtZeit kümmert er sich in der Kolumne „EinWurf“ regelmäßig um erfreuliche oder unerfreuliche Begebenheiten im Kulturbereich.

    Diesen Artikel auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 125, Herbst 2025, S. 51
    >>hier zu lesen

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