EinWurf

Menschen, die auf Wale starren

Nachruf auf einen Gestrandeten.

Was ist eine Katastrophe draußen in der Welt gegen den Wal vor der Haustür? Nicht das Weiße Haus oder der Kreml, nicht die Straße von Hormus oder die Küsten des Mittelmeers, sondern die Strände der Ostsee bildeten während vieler Wochen die Lieblingsschauplätze deutscher Medienaufmerksamkeit. Ein gestrandetes Tier einte ein krisengeplagtes Land in einem Trauerspiel von gesellschaftsbewegendem Ausmaß. Eine aufgeregte Mitleidsgemeinschaft praktizierte die öffentliche Anteilnahme am aufhaltsamen Tod des Aufgelaufenen in einer Fortsetzungsserie mit Cliffhanger-Dramaturgie. In den Fängen der Unterhaltungskultur geriet die Havarie mit Zuschauern zur unendlichen Leidensgeschichte, der sich niemand entziehen konnte. Kein TV-Sender ließ es sich entgehen, in ergreifenden Vor-Ort-Reportagen im branchenüblichen „Hier-hinter-mir“-Format ein gebührender schüttertes Publikum mit aktuellsten Bulletins zu versorgen. Alle öffentlichen, privaten, sozialen und sonstigen Kommunikationskanäle setzten die vergeblichen Rettungsaktionen als Rührstück mit einem etwas unbeweglichen Hauptdarsteller in Szene. Nach seinem unerwarteten Erscheinen bewies das hilflose Tier enormes Unterhaltungspotenzial. In Empathie vereint verfolgte die bewegte Nation jede Bewegung – bzw. deren Ausbleiben –mit Betroffenheit. Die leviathanische Misere dehnte sich zum Prime-Time-Spektakel, das an allen Stammtischen und noch im letzten „Starbucks“ als Smalltalk-Thema zerredet wurde. Live-Ticker lauerten auf Dramatisches; Prominenteninterviews und Spontandemos befeuerten den Hype, und bei Pressekonferenzen konnten sich selbst hartgesottene Politiker fast zu Tränen gerührt zeigen. Vereinnahmt für allerlei walferne Zwecke und Zielscheibe von Sensationsjournalismus und Showbusiness wurde das Tier zum doppelten Opfer: das seiner Irrfahrt und das der Wal-Stalker.

Während der Bucklige Mitleid provozierte, rückte man ihm mitleidlos und mit Ahab’scher Besessenheit mittels Kameras und Kommentatoren, Drohnen und wohlmeinenden Ratschlägen auf den massigen Leib. Doch der erwies sich als überraschend resilient. Weder Hightech-Equipment noch gutes Zureden vermochten den Verirrten von seinem Irrtum zu überzeugen. Obwohl sich Repräsentantinnen und Repräsentanten von Tierschutz, Umweltaktivismus, Psychologie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie zusammen mit berufenen oder selbsternannten Experten, unbestellten Kümmerern und Krisenprofiteuren jeglicher Provenienz mit kontroversen Vorschlägen überboten, war der Eigensinnige von seinem fatalen Kurs nicht abzubringen.
Im Frühling dieses Jahres gestaltete sich die Treibjagd auf den schwarzen Wal wie die Füllung eines vorgezogenen Sommerlochs: Das erwartbare Nichtauftauchen Nessies wurde wettgemacht vom unvorhergesehenen Auftauchen Timmys. In visueller Hinsicht weniger giebig, zeigte sich der nicht eben fotogene Buckel erstaunlich medienkompatibel. Seine Omnipräsenz förderte seine Vermenschlichung zum Familienmitglied. Mit dem Wal auf Du und Du: Unter anheimelnder Benamung – wahlweise auch „Hope“ – saß Bruder Wal als Dauergast täglich mit am Frühstücks-, Mittags- oder Nachtmahltisch. Seine Karriere als virtuelles Kuscheltier ist umso erstaunlicher, als der Medienstar mit den Verkrustungen seines unförmigen Leibes all jener ästhetischer Qualitäten entbehrte, die gemeinhin für Rührung sorgen und in Katzen- oder Welpen-Videos sowie dem, was die Wahrnehmungspsychologie „Kindchenschema“ nennt, zum Ausdruck kommen. Darüber hinaus sprach der Aufgelaufene in seiner Notlage allem Hohn, was die Cetologie im „MobyDick“ über das Wesen des Buckelwals vermeldet. Dass er einen Höcker hatte und aussah „wie ein fahrender Händler mit seiner Kiepe auf dem Rücken“, mochte noch angehen. Keine Rede aber konnte davon sein, dass er „unter allen Walen wohl der ausgelassenste“ sei: „Stets zum Spielen aufgelegt, schlägt er mehr übermütigen weißen Wellenschaum als alle anderen zusammen. “Das Schaumschlagen hingegen war die Sache der Medien. In früheren Zeiten als lebendiges Wirtschaftsgut aus ökonomischen Gründen vieltausendfach verfolgt und ausgeschlachtet, wurde nun ein Einzelexemplar aus sentimentalen Gründen emotional ausgeschlachtet. Denn nur angesichts eines Individuums konnte der materielle Nutzen in einen emotionalen umgeschlagen. Das Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem Allgemeinen wurde durch die Gewissheit der Hilfsmöglichkeit gegenüber dem Besonderen ersetzt. Bekanntermaßen vermag nicht die Masse, sondern nur der singuläre Fall Emotionen zu generieren. Jona umgekehrt: Nicht der Mensch wurde diesmal verschlungen, sondern der Wal, zermalmt im Rachen einer gnadenlosen Berichterstattung, durchgekaut und als halbverdaute Kost wieder ausgespien auf Bildschirme, Zeitungsseiten und Displays. So ist der Wal Symbol desmehrfachen Scheiterns: dem seiner selbst, der berufenen und unberufenen Retter und nicht zuletzt der Medien, die ihre selbst erzeugte Sensation schließlich zu Tode kommuniziert haben werden. Bis dahin aber wird der tragische Held seine soziale Rolle im nationalen Rahmen erfüllt haben. Schließlich bot die Teilnahme an der individuellen Tragödie in der Nachbarschaft willkommene Ablenkung vom kollektiven Krisengeschehen in aller Welt. Eine verunsicherte Wertegesellschaft erfand sich in der gemeinsamen Walsorge eine neue Orientierung. Wenn es ihn nicht gegeben hätte, hätte man ihn erfinden müssen; wäre er nicht aufgelaufen, hätte man ihn auflaufen lassen müssen – oder war das vielleicht sogar der Fall? Nicht lange auf sich warten ließen verschwörungstheoretische Visionen, denen zufolge die Wal-Hysterie als großangelegtes Beschwichtigungsmanöver mehr oder weniger anonymer Mächteabsichtsvoll ins Werk gesetzt worden sei. Wie dem auch sei: Nach dem letzten Akt bleibt die Hoffnung auf das baldmögliche Erscheinen eines neuen Medienopfers, dessen Einzelschicksal von den kollektiven Schicksalen einer auf Grund gelaufenen Welt abzulenken in der Lage ist.

6.7.2026

Der Autor Dr. Harald Kimpel
studierte Kunstpädagogik und Kunstgeschichte in Kassel und Marburg. Er ist tätig als Kunstwissenschaftler, Kurator und Autor. Für die StadtZeit kümmert
er sich in der Kolumne „EinWurf“ regelmäßig um erfreuliche oder unerfreuliche Begebenheiten im Kulturbereich.

Dieser Artikel ist auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 128, Sommer 2026, S. 9

>> hier zu lesen

Ähnliche Themen

Otto Heinrich Kühner – Malerpoet

Eine Ausstellung über das Zusammenspiel von Literatur und Malerei. 12.9. bis 15.11.2026 im Museum Bad Arolsen.

Architektur auf der Leinwand

Am 29. September 2026 lädt ein neuer Architekturfilmtag im ehemaligen Sinn&Leffers-Kaufhaus in Kassel dazu ein, die Verbindung von Film, Baukultur und Stadtgeschichte zu entdecken.

Fimmatinee Fanny Hensel

Am Sonntag, 6. September 2026 um 11:00 Uhr, lädt das Kasseler Kulturforum zur Filmmatinee „Die geniale Schwester – Fanny Hensel“ mit Live-Klavier in die Lagerhalle des Furore Verlags ein.

Matinée im Palais Bellevue – Duo con moto

Am Sonntag, den 6. September 2026, um 11:00 Uhr lädt das Duo con moto anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Furore Verlags zu einer hochkarätigen Matinée mit Werken bedeutender Komponistinnen ins Palais Bellevue ein.

Wenn Wände subtil sprechen

Wie großformatige Murals das Gesicht einer Stadt mitformen und warum das tiefer wirkt, als wir ahnen.

Kunstmesse Kassel 2026

Die sechste Kunstmesse findet vom 18. bis 20. September in der documenta-Halle statt.
© Urs Lüthi, Courtesy Galerie Coucou

Eine Legende kehrt zurück

Kunsttempel und Galerie Coucou zeigen Fotografien, Videos, Installationen, Malerei und Skulpturen des international renommierten Schweizer Künstlers Urs Lüthi.
Claudia Harwardt

Ausstellung „Form & Geist“

Bekannt ist David Harwardt alias Jackules für seine großformatige Fassadenkunst im Kasseler Stadtbild. Mit der Ausstellung „Form & Geist“ zeigt der Kasseler Mural Artist nun erstmals seine Arbeiten auf Leinwand im Pluteum am Königstor. 19. September bis 10. Oktober 2026 · Do–So · 14–18 Uhr

„Da ist Musik drin“

Eine neue Ausstellung in der Handwerkskammer Kassel gibt Einblicke in die Vielfalt des Instrumentenbaus in der Region. Vom 4. September bis 16. Oktober in der HANDWERKSFORM am Scheidemannplatz