Tahiti liegt um die Ecke

Den Spaziergang als solchen gibt es schon sehr lange. Doch erst Lucius Burckhardt machte ihn im 20. Jahrhundert zum Instrument seiner Forschung und begründete die Spaziergangswissenschaft. Dabei ging es Burckhardt weniger um die Erforschung von Spaziergängen, als um die Frage, welche Perspektive der Spaziergänger auf diesen einnimmt.


Inbesitznahme des automobilen städtischen Raums. Der “Autofahrerspaziergang” auf der Frankfurter Straße 1992 von Lucius Burckhardt. Illustration: Amelie Stute.

Die Aufregung der Autofahrer war groß, die an einem lauen Herbsttag 1993 einen Parkplatz in der Kasseler Innenstadt suchten. Sie hupten und schimpften und konnten nicht verstehen, wieso dort, wo sonst andere oder sie selbst ihr Auto gern abgestellt hatten, nun zwei Schreibtische parkten, an denen ein Hochschulprofessor mit seinen Studierenden ein Seminar abhielt.

Dieser Professor war der schweizer Soziologe Lucius Burckhardt. Der studierte Nationalökonom und Pionier der Urbanismuskritik begründete am Anfang der 1980er Jahre, während er am Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung an der Kasseler Universität lehrte, die Spaziergangswissenschaft. Diese ungewöhnliche Disziplin, die einige Menschen auch heute noch als ironisch interpretieren, setzte sich aus Erkenntnissen seiner über Jahrzehnte währenden Forschung zusammen und resultierte letztlich aus einer Kritik der konventionellen, tradierten Wahrnehmungsweisen von Landschaften und Städten. Denn Burckhardt hatte sich Zeit seines Lebens mit den Auswirkungen unserer Mobilität und Wahrnehmung auf das Planen und Bauen beschäftigt und die wechselwirkenden Zusammenhänge von Gesellschaft und gebauter Umwelt schon früh erkannt. Mit reflexiven Spaziergängen, auf denen er die Teilnehmenden auf eine Reise zu unbekannten Aspekten von wohl bekannten Orten und Landschaften mitnahm, sollten sie ihre Wahrnehmung schärfen, die Perspektiven wechseln und beim Betrachten ihre Denkprozesse neu ordnen.

Sehen, was man nicht sieht

„Über parkende Schreibtische regten die Leute sich auf, aber gegen die Autos, die gleich daneben standen, zeterte niemand. Das ist Schulung der Wahrnehmung unbeachteter gesellschaftlicher Zusammenhänge“, sagte Burckhardt über seine Aktion von 1993 in der Kasseler Innenstadt. Worum es ihm also ging, war das Sichtbarmachen von an sich sichtbaren, aber nicht wahrgenommenen Missständen im öffentlichen Raum und darüber hinaus diese (Nicht-)Wahrnehmung zu korrigieren. Die Weitsicht, die Burckhardt dabei besaß, zeigte sich im Seminar „Wahrnehmen und Verkehr“, in welchem er mit diesen und anderen Aktionen schon damals das Problem des missbrauchten städtischen Raums durch PKWs sichtbar machte. Deren Bestand wächst seitdem weiter an und scheint bis heute in vielen Groß- und Kleinstädten ein blinder Fleck zu sein.

Spaziergang durch ein Kasseler Biotop

Eine andere „Schulung der Wahrnehmung“ im Rahmen der Spaziergangswissenschaften war Burckhardts Fahrt nach Tahiti mit einer Studierendengruppe im Jahr 1987. Tahiti war allerdings gar nicht weit weg, es lag sprichwörtlich um die Ecke: in einem Naturschutzgebiet, der Kasseler Dönche, die einstmals als Truppenübungsplatz voller Panzer der Bundeswehr gedient hatte. Beim Spaziergang durch die mit zahlreichen und fremdartig aussehenden Pflanzen überwucherte Kraterlandschaft lasen die Studierenden die Reiseberichte des Captain Cooks, der um 1772 Tahiti bereiste. Dabei entdeckten sie in der Umgebung einige Parallelen zur paradiesisch beschriebenen Insellandschaft. Um die besondere Exotik der Kasseler Umgebung zu vermitteln, hängten die Studierenden zusätzlich ein Brot in einen Baum: Der deutsche Brotbaum war entstanden und hatte die Unterschiedlichkeit zwischen Tahiti und Kassel in den Hintergrund gerückt.


“Der mobile Zebrastreifen”, Kassel 1993. Illustration: Amelie Stute.

Landschaftskonstruktion in Perlenketten

Lucius Burckhardt verstand Landschaft als ein Produkt menschlicher Nutzung und Eingriffe und als mentales Konstrukt. Demnach sei Landschaft vor allem in den Köpfen der Betrachtenden zu suchen und nicht in den Erscheinungen der Umwelt.
Seine Vorstellung darüber umschreibt er mit der Metapher einer Perlenkette: Die einzelnen Perlen sind die beim Spazierengehen aufgenommenen Eindrücke der Landschaft. Diese Perlen werden dann mental zu einer kohärenten Landschaft, einer „landschaftstypischen“ Perlenkette zusammengefügt. Durch Sozialisation, Kultur, sowie individuelle Reisen und Erfahrungen, besteht die Perlenkette aber auch aus imaginierten und dazu gedichteten Perlen, sodass jeder doch nur sieht, was er zu sehen gelernt hat.

Solche Perlen lassen sich auch in der Stadt finden, nur ist das gar nicht so einfach. Es ist aber möglich, wenn sich Spaziergänger hin und wieder trauen, von der routinierten Strecke abzuweichen und dabei genau hinzuschauen: „Hinschauen – das tun wir oft schon gar nicht mehr. […] Betrachten heißt, neue Blickwinkel erschließen, Sehweisen ausprobieren, ungewohntes wahrnehmen, störende Elemente aufdecken, Fehler machen und bei sich selbst bemerken“, so Lucius Burckhardt im Seminar „Wahrnehmen und Verkehr“, das er 1993 hielt. „Spaziergangswissenschaft will ein anderes Verständnis von Zeit und Raum gewinnen. Spazierengehende Menschen sind schon durch den Gebrauch ihrer Füße langsamer – und da sie gehen, weil sie Lust dazu haben, und nicht, um anzukommen, sind sie zeitlich unberechenbar. Raum sieht die Spaziergangswissenschaft als Konstrukt der Wahrnehmung – also als vieldeutig.“

Text: Amelie Stute