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    Direkter Kontakt:

    Klaus Schaake
    Tel. 0561 – 475 10 11
    post@mittendrin-kassel.de

     

    Gefördert bis Ende 2019 durch:

    Das „Monster“ Holocaust

    Das Staatstheater Kassel scheitert an „The Memory Monster“ beim Gastspiel des Habima Theaters aus Tel Aviv auf skandalöse Art und Weise.

    Der Ostersamstag-Abend im Rahmen von „Fokus Friedensstifterin“ im TIF war doppelgleisig geplant:
    Den ersten Teil bildete das Gastspiel des Habima Theaters aus Tel Aviv mit „The Memory Monster“, in hebräischer Sprache mit deutschen Untertiteln.
    Der zweite Teil sollte ein Gespräch über „Kunst & Erinnerungskultur“ mit Dr. Martin Schmidt, Rektor der Kunsthochschule Kassel, dem türkisch-kurdisch stämmigen Autor und Pädagogen Burak Yilmaz, dem Team des Habima Theaters und dem Publikum sein.
    Die Veranstaltenden verhinderten jedoch dieses Gespräch und somit endete der Abend desaströs.

    Die Erinnerung frisst ihre Kinder. Bild Buchcover © Verlag Kein & Aber.

    „The Memory Monster“ ist die Dramatisierung des Romans „Monster“ des israelischen Schriftstellers Yishai Sarid, auf Deutsch 2019 erschienen. Es ist ein schockierendes, explosives Ein-Personen-Stück, das die Zuschauer:innen in den Bann zieht und erschüttert. Es setzt sich mit der jüdisch-israelischen Erinnerungskultur an den Holocaust, die zum „Memory-Monster“ mutiert sei, sehr kritisch auseinander. Damit stellen sich auch dringende Fragen an die deutsche Erinnerungskultur.

    Opfer-Täter-Umkehrung
    Der israelische Schauspieler Ben Yosipovic verkörperte einen Historiker, einen der besten „Experten der Vernichtungslager in Polen“.

    Bild: Memory Monster. Habima Theater © Gerard Allon

    Dieser Protagonist verzweifelt in einem kafkaesken Redestrom an seinen Erfahrungen im Verlaufe der Führungen mit israelischen Jugendlichen, Studenten, Erwachsenen und Soldaten durch die Vernichtungslager. Seine Erinnerungs- und Aufklärungsarbeit wird zum „Memory-Monster“, das solche Absurditäten wie ein groteskes KZ-Computerspiel, ein virtuelle Rollenspiel, hervorbringt.

    Bild: ahmad yusup (c) AdobeStock_467627865.jpeg

    Die Erinnerungs-Arbeit destabilisiert und zerreibt ihn zusehends, letztendlich „frisst“ sie ihn auf dem Höhepunkt des Stückes auf, als er einen deutschen Filmregisseur, den er durch die Vernichtungslager führt, angreift, nachdem er von diesem gedemütigt und immer stärker in die jüdische Opferrolle gedrängt wird: „Man braucht einen Juden! Der aussieht wie ein Jude!“ Im Wald von Treblinka explodiert der jüdische Führer vor Wut, schlägt den Deutschen nieder: Das Opfer wird zum Täter.
    Es bleibt offen, ob der Angriff nicht sogar tödlich endet.

    Bild: Stacheldraht: nikhg_©AdobeStock_126740441.jpe

    Versagen des Staatstheaters
    Wurde den Veranstaltenden erst nach der Aufführung die Brisanz des Publikumsgesprächs bewusst,  bekamen sie kalte Füße, fühlten sie sich der Situation nicht mehr gewachsen?
    Jedenfalls nahmen sie das Fehlen des Rektors der Kunsthochschule zum Anlass, zunächst eine Pause anzusagen, aber auch nach der Pause war vom Gespräch mit dem Publikum nicht mehr die Rede.
    Vielmehr führte der Intendant und Direktor des Staatstheaters, Florian Lutz, zunächst ein kurzes, eher oberflächliches Gespräch mit dem Regisseur des Stückes, Ariel Wolf.

    Anschließend fand eine Lesung von Burak Yilmaz aus seinem Buch „Ehrensache-Kämpfen gegen Judenhass“ statt. Dass Burak Yilmaz antisemitische Aufklärungsarbeit mit muslimischen Jugendlichen leistet, ist gewiss aller Ehren wert, wirkte nach „The Memory Monster“ aber völlig unangebracht.

    Israelische Erinnerungsarbeit gegen deutsche Erinnerungsarbeit?
    Indem man den fürchterlichen Erfahrungen des israelischen Protagonisten in „The Memory Monster“ jetzt die „positiven“ Erfahrungen muslimischer Jugendlicher in Ausschwitz gegenüberstellte, verhinderten die Veranstaltenden nicht nur ein kritisches Gespräch über das israelische „Memory Monster“, sondern auch die erwartbare und notwendige Diskussion über ein deutsches „Memory Monster“.
    Stattdessen wird muslimische Aufklärungsarbeit ins Schaufenster gestellt.

    Schauplatz der Vernichtung des jüdischen Volkes. Bild KZ: milena 19842_©AdobeStock_108159090.jpeg

    Ablenkungsstrategien
    Diese Ablenkungsstrategie erlebte Yishai Sarid auch andernorts:
    „Vor ein paar Jahren habe ich in Jerusalem an einem Treffen von deutschen und israelischen Schriftstellern teilgenommen, das vom Goethe-Institut ausgerichtet wurde. Es sollte eigentlich um Zukunft und Hoffnung und etwas Ähnliches gehen, aber die Deutschen wollten unbedingt über den Holocaust diskutieren. Also gut. Und dann fingen sie an mit ihren Familiengeschichten, von den Härten des Krieges, von Flucht und Vertreibung. Ich verstehe das durchaus, menschliches Leiden ist menschliches Leiden. Aber in der letzten Sitzung musste ich dann doch sagen: Ich habe wirklich nichts persönlich gegen euch, aber ich habe mich in den vergangenen Tagen sehr unwohl gefühlt. Wir befinden uns nicht auf derselben Seite der Geschichte, und wir können nicht gemeinsam unser Leid beklagen.“

    Überforderte Schauspieldirektorin
    Als der Schreiber dieser Zeilen wegen der Verweigerung des Publikumsgesprächs erzürnt den Saal verließ und im Vorraum das Gespräch mit Mitgliedern des Habima Theaters suchte, eilte die Schauspieldirektorin und Chefdramaturgin Schauspiel, Patricia Nickel-Dönicke, hinzu und es entstand folgender Dialog:

    Direktorin: „Ich verbiete Ihnen das Gespräch mit meinen israelischen Gästen“!
    Besucher: „Können Sie denn ein Gespräch verbieten?“
    Direktorin: „Ja, ich kann das, ich bin die Schauspiel-Direktorin!“
    Besucher: „Das mag ja sein, aber ein Gespräch können Sie trotzdem nicht verbieten und wie kommen Sie dazu, die Mitglieder des Habiba Theaters als ihre persönlichen Gäste zu bezeichnen?“
    Direktorin : „Wenn Sie nicht aufhören, erteile ich Ihnen sofortiges Hausverbot!“
    Besucher: „Holen Sie jetzt den Ordnungsdienst oder die Polizei!?“
    Direktorin:: „Sie können froh sein, dass Sie das Theaterstück überhaupt sehen durften! Sie wollen nur pöbeln!“
    Besucher: „Aber ich habe Eintritt bezahlt und möchte über das Gesehene diskutieren, außerdem lebt ihr Theater und auch Sie von öffentlichen Subventionen, können Sie da die Öffentlichkeit ausschließen?

    Später antwortete der Intendant des Staatstheaters auf die Frage, warum denn das Gespräch über das Theaterstück ausgefallen sei: „Burak Yilmaz musste vorgezogen werden, weil er um 22.30 Uhr den Zug nach Duisburg erwischen muss. Das Gespräch wird aber noch stattfinden.“
    Inzwischen hatte sich der Vorraum mit den Mitgliedern des Habiba-Theaters gefüllt, die das Ende der Veranstaltung anmahnten, weil ja die Küchen der Restaurants sonst geschlossen seien.

    So endete dieser Theaterabend desaströs: vielleicht gut gemeint, aber schlecht vorbereitet und bei der Durchführung völlig überfordert!

    Kunst und Erinnerungskultur
    Yishai Sarid erinnert in Form und Inhalt in vielem an seinen jüdischen Schriftstellerkollegen Franz Kafka.

    Bild: Sarid (c) Katarina Ivanicevic

    So hat das Stück die Form eines Briefes „an den sehr geehrten Vorsitzenden von Yed Vashem“, der ihn einst einstellte und der nun den Bericht über des Gründe des Kontrollverlustes erwartet.

    Bild Kafka: johan 10 (c) AdobeStock_564931435

    Dieser „Bericht an den Vorsitzenden“ erschien in Hebräisch 2017, genau 100 Jahre nach der Veröffentlichung von Franz Kafkas „Bericht für eine Akademie“ im Jahr 1917.
    Deutliche inhaltliche und stilistische Bezüge lassen sich auch zu Kafkas „Brief an den Vater“, „Der Prozess“ und die „Kleine Fabel“ erkennen.
    Thematisch verbindet Yishai Sarid und Franz Kafka, dass die Figuren ohnmächtig vor einer anonymen, mächtigen Behörde Rechenschaft ablegen sollen und sich in einer existentiellen Ausweglosigkeit befinden.

    Bild Kafka: Silvio (c) AdobeStock_400629571

    Dieses Trauma der Hilflosigkeit präge das jüdische Volk: „Am Grunde unserer Gefühle ist da immer die Angst, hilflos zu sein, gedemütigt und auf offener Straße ermordet zu werden.“
    Yishai Sarid beklagt, dass durch das Memory Monster in den Gedenkstätten „unweigerlich immer wieder der Vernichtungsprozess nachvollzogen wird.“
    Die jüdischen Vorfahren würden dabei reduziert auf „Existenzen im Endstadium: ausgehungert, gedemütigt, zu Objekten degradierte Menschen, die wie Abfall behandelt werden“ und unsichtbar blieben. „Die Akteure bei dieser Art von Nacherzählung, auf eine perverse Weise also deren Helden, sind die Mörder.“
    Er wendet sich gegen die politische Instrumentalisierung der Vernichtung des jüdischen Volkes, gegen schnelle Fototermine von Politikern in den Gedenkstätten, gegen Erinnerungs-Tourismus, die banalen Gitarrenlieder, die Nationalhymne, „das Kaddisch, die Tränen, die Kerzen, all diesen Wohlfühlkram.“
    Außerdem würden die Jugendlichen durch die Detailversessenheit nur abgestumpft: „Sie saßen über ihre Handydisplays gebeugt, waren mit Simsen und flimmernden Spielen beschäftigt.“

    Gewalt erzeugt Gewalt
    Als Lehre aus dem Holocaust dominiere das Narrativ der Verteidigungsfähigkeit. Am Ort des Mordens lernten die Jugendlichen, dass alles nur Macht, Kraft und Stärke sei. „Kultur, Mode, Kleidung, Reden, Lächeln, Freundschaft, Ansichten, Briefe, Musik, Sport, Essen, Liebe-all diese Dinge sind wertlos, nicht mehr als ein dünner Zuckerguss.“ Die verinnerlichte Botschaft laute: „Nur Kraft und Stärke. Ohne Gewissen, ohne Anstand, ohne Nachdenken. Das alles belastet bloß die Seele und behindert das Handeln. Und wir dürfen uns keine einzige Sekunde der Schwäche erlauben, denn dann würde uns alles genommen.“ Nur mit Gewalt komme man gegen Gewalt an, und man müsse fähig sein zu töten. Diese Botschaft sei angekommen, wenn er von israelischen Jugendlichen höre: „ Das hier sollten wir den Arabern antun!“ und „Ich denke, um zu überleben, müssen wir auch ein bisschen Nazis sein!“

    Yishai Sarid lebt und schreibt in Israel, er kennt die innere und äußere Zerrissenheit, sieht, dass Israel einen Mehrfronten-Krieg führen muss und nur aufgrund seiner Stärke überleben kann.
    Er erinnert jedoch auch an eine andere der Lehren aus dem Holocaust für Israel: „freundlich zu den Schwachen sein- und großzügig“.
    Sein schmerzliches Fazit dieser Zerrissenheit lautet: „Es gibt keinen wirklichen Weg, um zu heilen oder aus der Sackgasse herauszukommen. Die Wunde ist noch offen.“

    Frisst die Erinnerung ihre Kinder?
    Das Theaterstück „The Memory Monster“ und der Roman „Monster“ von Yishai Sarid sind Sprach-Kunstwerke: hart, schonungslos, aber so wahrhaftig, dass uns beim Hören bzw. Lesen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht.
    Diese große, kafkaeske Klage reißt nicht nur in Israel, sondern auch in Deutschland schlecht verheilte alte und neue Wunden auf.
    Sie fordert sowohl die israelische als auch die deutsche Öffentlichkeit auf, dringend darüber nachdenken, wie sehr die jeweils etablierten Gedenkrituale an die Vernichtung des jüdischen Volkes erstarrt sind, vielleicht sogar das Gegenteil von dem erreichen, was sie eigentlich wollen.

    Der Roman „Monster“ ist ein überzeugender Beitrag zur Erinnerung, zur Aufarbeitung und zur Bewältigung der Vernichtung des jüdischen Volkes durch unsere deutschen Vorfahren.
    Er gehört in jede deutsche Bibliothek und sollten Lektüre in jeder schulischen Oberstufe sein. Dieser Roman mahnt, jedem antijüdischen Hass entgegenzutreten. Dies umso mehr angesichts des Ansteigens antisemitischer Stimmungen und Vorfälle in Deutschland sowie deren Verharmlosungen, wie sie ja zuletzt auch in Kassel anlässlich der documenta 15 zu erleben waren.

    Schauplatz der documenta 15. Bild: Benjamin O Zweig (c)Adobe_136243126

    Autor: Georg Martin

    Die Zitate stammen aus „Monster“ und Interviews mit Yishai Sarid in FAZ und SZ.

    Anmerkungen und Widerspruch sind erwünscht unter: derheiligegralvoncassel@gmail.com.

    24.04.2023


    Autor:

    Georg Martin

    Die Zitate stammen aus „Monster“ und Interviews mit Yishai Sarid in FAZ und SZ.

    Anmerkungen und Widerspruch sind erwünscht unter: derheiligegralvoncassel@gmail.com.

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