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    Klaus Schaake
    Tel. 0561 – 475 10 11
    post@mittendrin-kassel.de

     

    Gefördert bis Ende 2019 durch:

    Nachtgedanken – Interviews zur Stunde der Dunkelheit

    Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nicht nur zum Schlafen da – Die Nacht“ sprachen verschiedene Gäste über die Besonderheiten der Nacht. Beteiligt waren Studierende der Musikakademie Louis Spohr der Stadt Kassel, die Hebamme Evelin John-Riehm, der Polizeibeamte Stefan Röther, Salome Möhrer-Nolte von der Telefonseelsorge Nordhessen und die Künstlerin Arya Atti. Die Moderation hatten Kerstin Leitschuh von der Citypastoral und Stadtdekan Dr. Michael Glöckner.

    Die Nacht ist eine besondere Zeit – auch im Kreißsaal. Hebamme Evelin John-Riehm sprach darüber, warum viele Geburten tatsächlich nachts beginnen. „Wenn Frauen zur Ruhe kommen, entspannen und schlafen, setzt die Geburt oft ein“, erklärte sie. Besonders beliebt: 4 Uhr morgens.

    Evelin John-Riehm, Foto: Citypastoral Kassel

    Der Unterschied zwischen Tag und Nacht ist deutlich spürbar. Während tagsüber Geburtsplanungen, Kaiserschnitte und organisatorische Abläufe ihre Zeiten fordern, bleibt nachts mehr Zeit für die Frauen. „Ich empfinde das Arbeiten in der Nacht als viel angenehmer“, so John-Riehm, die sich bewusst ausschließlich für Nachtschichten im Kreißsaal entschieden hat.

    Auch die Rolle der Väter hat sich verändert. Zwar seien sie manchmal „müde und hungrig“, aber sie begleiten die Frauen intensiver, müssen nachts aber auch mit anpacken – gerade, wenn Not am Mann ist. Gleichzeitig bringt die Arbeit im Nachtdienst Herausforderungen mit sich: Weniger Personal bedeutet, dass Hebammen und Ärzt:innen besonders gut organisiert sein und Hand in Hand arbeiten müssen.

    John-Riehm selbst kommt mit dem Wechsel zwischen Tag- und Nachtrhythmus gut zurecht – auch wenn es mit zunehmendem Alter etwas schwerer fällt. Ihr Mann muss „hebammenkompatibel“ sein und unterstützen, denn an Wochenenden steht die Familie manchmal hinten an.

    Ein besonderer Moment in diesem Jahr: Eine Geburt des Kindes einer Frau, die sich bei ihr auch zur Wochenbettbetreuung angemeldet hatte. Einen Tag vorher hatte sie noch die Beckenendlage und deswegen hatte die Frau auch etwas Angst. Sie kam dann in John-Riehms Nachtschicht mit Wehen in den Kreißsaal, drei Wochen vor dem errechneten Termin. „Es war eine wunderschöne Geburt und 13 Minuten vor Ende meines Dienstes war das Kind da!“

    Erfreulich sieht Evelyn John-Riehm die Entwicklung rund um den Beruf der Hebamme: Das Interesse an der Hebammenarbeit wächst. Und das ist gut so – denn Geburten halten sich nicht an Tageszeiten.

    Die Dunkelheit ist mehr als nur die Abwesenheit von Licht – sie ist Inspiration, Reflexion und Ausdruck. Bei Nachtgedanken sprach die kurdische Künstlerin Arya Atti über ihre besondere Verbindung zur Nacht und wie Licht und Schatten ihr künstlerisches Schaffen prägen.

    Dekan Michael Glöckner und Arya Atti, Foto: Citypastoral Kassel

    „Bevor man Formen lernt zu malen, geht es um Licht und Schatten“, erklärt Atti. In ihren Werken spielt sie mit starken Kontrasten, die gesellschaftliche Konflikte, aber auch ihre eigenen inneren Kämpfe widerspiegeln. Als Flüchtling und Mutter verarbeitet sie ihre Erlebnisse auch in ausdrucksstarken Porträts, die von Intensität und Tiefe leben.

    Ihre Kunst entsteht oft in der Nacht – wenn die Welt stiller wird, Ablenkungen verschwinden und Gefühle intensiver spürbar sind. „Die Dunkelheit isoliert mich von der Außenwelt und verbindet mich stärker mit mir selbst“, sagt sie. Gerade in dieser Stille der Dunkelheit kann sie sich voll auf ihre Werke konzentrieren.

    „Licht und Dunkelheit gehören zusammen“, betont Atti, nicht nur in der Kunst, sondern auch im Leben. Ihre eigene Geschichte bestätigt das: Auch in den schwierigsten Momenten gab es am Ende immer einen Lichtblick, eine Hoffnung. Die Dunkelheit bedeutet für sie nicht nur Unsicherheit, sondern auch Schutz und eine Verbindung zu sich selbst. „Wenn man die Augen schließt, ist man ganz bei sich.“

    Die Nacht verändert nicht nur die Stadt – sie verändert auch die Menschen. Bei Nachtgedanken gab Polizist Stephan Röther spannende Einblicke in seine Arbeit im Nachtdienst und wie er die Unterschiede zwischen Tag und Nacht wahrnimmt.

    Während tagsüber der Publikumsverkehr, Anzeigenerstattungen und organisierte Abläufe den Dienst prägen, haben die Nächte ihre ganz eigene Atmosphäre. „Es gibt nicht mehr die klassischen Tag- oder Nacht-Delikte“, so Röther, „aber nachts sind es häufiger Betrunkene und Fälle häuslicher Gewalt, die uns beschäftigen.“ Besonders die Dunkelheit macht Einsätze unberechenbarer – Menschen sind impulsiver, unter Alkoholeinfluss handeln sie oft unvorhersehbar. „Nachts ist es definitiv gefährlicher“, sagt er.

    Kerstin Leitschuh und Stephan Röther, Foto: Citypastoral Kassel

    Dennoch bevorzugt Röther den Nachtdienst: „Ich freue mich mehr auf die Nacht als auf den Tagdienst.“ Die ruhigen, leeren Straßen, die besondere Stille selbst in belebten Stadtvierteln faszinieren ihn immer wieder. Sein Fünf-Tages-Rhythmus – 12 Stunden Tagdienst, 12 Stunden Nachtdienst, dann drei Tage frei – hat auch Vorteile: Er kann Dinge erledigen, während andere arbeiten.

    Doch das Leben im Schichtdienst erfordert Anpassung. Der Schlafrhythmus muss stimmen, der Partner „kompatibel“ sein, und private Feiern oder Geburtstage erfordern oft Flexibilität und Diensttausche. „Ich schlafe vor dem Nachtdienst, nach dem Nachtdienst auch – egal, ob die Kinder wach sind oder nicht.“

    Natürlich gibt es auch Herausforderungen: Schlafmangel kann die Geduld strapazieren, vor allem wenn respektloser Umgang mit den Polizisten dazukommt. „Da heißt es dann: verarbeiten und ruhig bleiben.“ Trotzdem versucht Röther, Kollegen den Nachtdienst schmackhaft zu machen.

    In der Nacht entfaltet sich eine besondere Tiefe – das wurde bei der Veranstaltung Nachtgedanken mit Salome Möhrer-Nolte, Leiterin der Telefonseelsorge Nordhessen e.V., eindrucksvoll deutlich.

    Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar – auch dann, wenn Freunde und Familie längst schlafen. Doch genau diese nächtlichen Stunden sind oft die herausforderndsten. „Die Nächte zu besetzen, ist nicht einfach“, so Möhrer-Nolte, denn die Arbeit wird fast ausschließlich von Ehrenamtlichen geleistet. Gleichzeitig haben die Gespräche in der Nacht eine besondere Intensität: Wenn die Ablenkungen des Tages wegfallen, werden existentielle Themen spürbarer. Einsamkeit, Verzweiflung, Trauer, Suizidgedanken und Sinnfragen rücken in den Fokus.

    Salome Möhrer-Nolte, Foto: Citypastoral Kassel

    „Wir erleben eine besondere Dünnhäutigkeit in der Nacht“, beschreibt Möhrer-Nolte die Erfahrung der Mitarbeitenden in der Telefonseelsorge. Gerade in diesen Stunden ist die Telefonseelsorge für viele ein unverzichtbarer Anker – eine der wenigen Stellen, die tatsächlich 24/7 erreichbar ist. Nicht ohne Grund wird sie oft als „Nachtgesicht der Kirche“ bezeichnet.

    Das hohe Telefonaufkommen bestätigt den großen Bedarf: Kaum ist die Leitung frei, klingelt es wieder. Besonders zwischen 23 und 7 Uhr ist die Nachfrage hoch, nur zwischen 2 und 4 Uhr wird es etwas ruhiger. Doch egal zu welcher Uhrzeit – die Telefonseelsorge ist da. Danke!

    Die Veranstaltung „Nachtgedanken“ war eine Kooperation der Citypastoral Kassel, der evangelischen Kirche Kassel und der Musikakademie der Stadt Kassel Louis Spohr.

    17.02.2025

    Beitrag der Citypastoral Kassel
    www.citypastoral-kassel.de

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