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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-02-05 06:44:222026-02-04 16:45:06How long is now?Auf der Suche nach neuen Räumen
Seit mehr als zwei Jahren finden in Kassel regelmäßig Veranstaltung des Kassler Labels „Call & Response“ statt. Dort stehen Musik und Zusammensein im Vordergrund.
An einem Sommertag im Jahr 2025 versammeln sich Menschen gemeinsam, um zu elektronischer Musik zu tanzen. Und dabei handelt es sich um ein ganz bestimmtes Genre dieser Musik: House, Techno und Electro Musik der 70er, 80er und 90er Jahren, gespielt auf Schallplatte. Doch nicht nur darin unterscheidet sich die Veranstaltung von den anderen Partys der Kassler Clubszene. Denn sie beginnt bereits an einem Nachmittag und findet nicht in der Kasseler Innenstadt, in der Nähe des Hauptbahnhofs oder etwa auf der Friedrich-Ebert-Straße statt. Sie beginnt im Garten des Sandershauses, im verschlafenen Stadtteil Bettenhausen und endet viel später, unweit der Tram-Haltestelle Kirchweg, in der alteingesessenen Kneipe „Zur Löwenburg“.
Auf den Veranstaltungen von „Call & Response“, kurz „CAR“ steht die Musik im Vordergrund. Dafür werden Freund*innen und Kolleg*innen aus Berlin, Würzburg oder Frankfurt am Main eingeladen, die einen ähnlichen Sound mitbringen und somit das akustische Bild der Party abrunden. Das Label versucht bewusst, etwas anders zu machen. Nicht etwa, um sich von anderen Veranstaltern abzugrenzen, sondern um die Musiklandschaft Kassels um eine weitere Komponente, ein weiteres Genre, zu erweitern. Auch wenn der Musik-Trend gerade in eine andere Richtung gehen mag. Trotzdem glaubt man bei „Call & Response“ an das eigene Konzept und hält daran fest. Das bedeutete Anfangs jedoch auch die Schwierigkeit, die Veranstaltungsorte angemessen zu füllen.

Foto: Nils Lenz
Am Tag der Sommerparty scheint dieses Konzept jedoch voll aufzugehen. Bereits im Garten des Sandershauses ist die Stimmung ausgelassen und Menschen verschiedenen Alters kommen zusammen, trinken, reden und tanzen. Die Party auf dem Gelände des Kulturzentrums zu organisieren ist eine vollends bewusst getroffene Entscheidung. Während man in den Jahren zuvor vor allem geschlossene Räume wie das „Franz Ulrich“ am Hauptbahnhof, bespielte, sind vieler solcher Möglichkeiten in Kassel verschwunden. Denn bei „CAR“ sucht man gezielt nach Orten wie dem Sandershaus oder dem „Franz Ulrich“, in denen normalerweise solche Partys seltener stattfinden. Die Schäden und Auswirkungen der Corona-Pandemie sind auch Jahre danach noch in der Kassler Musik- und Kulturszene zu spüren. Etablierte Clubs wie das „ARM“ oder das „Unten“ haben nach jahrelangen Finanzierungskämpfen endgültig ihre Pforten geschlossen, andere Ausgehmöglichkeiten, wie die „Perle“ oder das „AKA“, sind ebenfalls zu. Menschen, die in Kassel ausgehen wollen, müssen sich immer häufiger die Frage stellen, wo dies überhaupt noch möglich ist. In der Kassler Innenstadt und auf der Partymeile der Friedrich-Ebert-Straße besteht nach wie vor ein großes Ausgehangebot. Doch durch die zahlreichen Schließungen von Kultureinrichtungen kommt es dazu, dass sich eben jene Angebote noch stärker auf vereinzelte Orte innerhalb Kassels konzentrieren, wodurch eine Art kultureller Diversitätsverlust entsteht.
Solche Voraussetzungen machen es einer jungen Veranstaltungsreihe wie der von „Call & Response“ nicht leichter. Doch das Label sieht in diesen Umständen auch die Chance, etwas in der Kassler Kulturszene zu bewegen. Die Entscheidung, die Veranstaltungen an den unterschiedlichsten Orten zu organisieren, gibt „CAR“ die Möglichkeit, aus ihren Partys etwas Besonderes zu machen und Themen wie Musik und Zusammensein in den Vordergrund zu rücken. Denn auf ihren Partys entsteht das Gemeinschaftsgefühl nicht nicht nur durch die Musik, sondern auch durch die Räumlichkeiten, in denen die Musik gespielt wird. Nach der Schließung des „Franz Ulrich“ wurde mit dem Garten des Sandershauses zwar eine Art zweite Heimat gefunden, doch auch nur über die warmen Frühlings- und Sommermonate. Sobald der Herbst hereinbricht und das Wetter nasser und ungemütlicher wird, sieht sich das junge Label wieder mit der Suche nach bespielbaren Räumen konfrontiert. Hier sind dann Kreativität und vor allem Flexibilität gefragt, um die Szene weiter voran zu treiben.
22.01.2026

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars „Journalistisch Arbeiten, crossmedial Publizieren“ im Sommersemester 2025. Die fächerübergreifende Lehrveranstaltung ist ein Angebot des Bereichs Servicelearning der Universität Kassel.
Prof. Dr. Sabine Ruß-Sattar, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, und Dipl-Ing. Klaus Schaake, Journalist und Medienmacher, begleiteten das Seminar.











