BIO, REGIONAL ODER BEIDES?

Die Keller & Gruber Nachdenk-Kolumne

Trotz hoher Komplexität gibt es gute Alternativen.

Es ist nicht alles Bio, wo Bio draufsteht“, verkündet Tante Edith beim Sonntagskaffee mit einer Mischung aus Skepsis und Genugtuung, die nur Verwandte bei Familienfesten beherrschen. Was sie uns damit sagen will, bleibt meist im Ungefähren. Aber eines ist klar – die Frage, wie wir uns „richtig“ ernähren und welche Lebensmittel wir dafür einkaufen sollen, ist eben nicht einfach.

Bio-Siegel: Fluch oder Segen?
Nehmen wir „Bio“-Produkte, also jene, die nach Prinzipien des ökologischen Landbaus wirtschaften. Bio-Produkte stehen für eine geringere Umweltbelastung, bessere Bodenqualität und mehr Artenvielfalt. Die Spannbreite reicht von der EU-Bio-Zertifizierung bis zu zertifizierten Produkten von Öko-Verbänden wie Bioland, Naturland oder Demeter mit strengeren Auflagen. Dazwischen tummeln sich dutzende weitere Labels. Ein Dschungel, in dem selbst engagierte Konsument:innen den Überblick verlieren. Die gute Nachricht ist, Bio ist nicht mehr exklusiv jenen vorbehalten, die es sich leisten können. Bioland- und Naturland-Produkte gibt es längst beim Discounter. Wenn mehr Menschen mehr Bio-Produkte kaufen, wird auch immer mehr Fläche ökologisch bewirtschaftet. Die Kehrseite ist zunehmender Preisdruck: Wenn Bio-Gurken im Discounter billiger sein müssen als beim Bio-Bauern um die Ecke, entsteht ein Wettbewerb, der auf Effizienz setzt. Große Bio-Betriebe mit industriellen Strukturen verdrängen kleinere. Dabei
liegt der Selbstversorgungsgrad bei Gemüse ohnehin nur bei 36 %, bei Obst bei 20 % – den Großteil importieren wir.

Regional und saisonal: Die bessere Wahl?
Über Bio-Siegel hinaus lohnt sich der Blick auf regionale und saisonale Produkte – auch wenn das neue Fragen aufwirft. Was bedeutet „regional“ überhaupt? Der Begriff ist nicht geschützt, die Definitionen schwanken: direktes Umland, Bundesland oder ein Umkreis von 150 bis 250 Kilometern. Je näher, desto besser. Kürzere Transportwege schonen beispielsweise das Klima. Fündig wird man auf dem Wochenmarkt. Hier kann man mit den Produzierenden direkt ins Gespräch kommen und offene Fragen diskutieren. Regionale Produktion bedeutet aber auch, dass wir mehr saisonale Produkte einkaufen müssen, und das fordert mehr Konsequenz. Im Winter keine Tomaten oder Erdbeeren, dafür Wirsing, Rosenkohl und Äpfel. Ein Abo einer Bio-Kiste oder die Mitgliedschaft bei einer solidarischen Landwirtschaft nehmen einem hier Entscheidungen ab. Für den Einkauf im Supermarkt bieten Saisonkalender oder Labels wie „Gutes aus Hessen“ Orientierung, ersetzen aber nicht die eigene Auseinandersetzung damit, was auf unseren Tellern landet und woher es kommt.
Am Ende hat Tante Edith vielleicht doch recht: Es ist und bleibt kompliziert. Aber das darf kein Grund sein, nichts zu tun. Die perfekte Lösung gibt es vielleicht nicht, bessere Alternativen schon. Der Aufwand lohnt sich: Mit bewussten Konsumentscheidungen für „bio, regional und saisonal“ stärken wir regionale Betriebe und fördern Artenvielfalt und Klimaschutz.

13.04.2026

Die Autorinnen Kristina Gruber und Martina Keller sind Nachhaltigkeitswissenschaftlerinnen und forschen zur Nachhaltigkeit in der Veranstaltungsbranche und zu nachhaltigen Lebensmittel-Wertschöpfungsketten. Als Projektschmiede Keller & Gruber gestalten sie Nachhaltigkeitsprojekte.

Einkaufshilfe für saisonales Obst und Gemüse
Der BZfE-Saisonkalender gibt Orientierung, wann welche Obst- und Gemüsearten klassischerweise geerntet werden, also „Saison haben“.

Regionale Lebensmittel gezielt suchen und finden
Mit Hilfe der REGIOapp können Sie jederzeit, überall, ganz bequem eine Umkreissuche nach regionalen Lebensmitteln und regionalem Essen starten.

Dieser Artikel ist auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 127, Frühjahr 2026, S. 39
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