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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-04-17 16:06:432026-04-17 21:35:20FORCED TO MODE – Depeche-Mode-Coverband in Bad Sooden-AllendorfDemokratie auf Lücke
Die Demokratie beginnt im Ortsbeirat – doch immer mehr Stühle bleiben leer. Nachwuchsmangel, Überlastung und eine verrohende Debattenkultur bedrohen die Basis der Demokratie; das politische Ehrenamt in Zeiten demokratischer Schlecht-Wetter-Lage.
„Für dich. Für uns. Für alle.“ – so lautet das Motto, unter dem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Mai 2026 erstmals den Ehrentag des Ehrenamts ausrufen will. Der Tag fällt auf den 77. Geburtstag des Grundgesetzes und soll ein sichtbares Zeichen der Wertschätzung für all jene sein, die sich in ihrer Freizeit für die Gesellschaft engagieren. Geplant sind bundesweite Aktionen, um das Ehrenamt ins kurzzeitige Rampenlicht zu rücken. Doch während die politische Bühne Ehrenamtliche feiert, sinkt zugleich die Zahl derer, die Überhaupt bereit sind, ein solches Amt zu übernehmen. Besonders die kommunalpolitische Ebene – das Fundament der Demokratie – leidet unter Mangel an Nachwuchs, Überlastung und einer zunehmenden Verrohung des politischen Umgangs.
Das Freiwilligensurvey 2023 – herausgegeben vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), ausgewertet vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) – macht dahingehend deutlich: Das Interesse am politischen Ehrenamt nimmt ab; besonders junge Menschen unter 30 zeigen nur noch geringe Bereitschaft, sich dauerhaft zu binden. Parallel dazu belegt eine Studie der Körber-Stiftung von 2025, dass Mitglieder von Stadt- und Gemeinderäten ihre Tätigkeit zunehmend als Belastung erleben. Hoher Zeitaufwand, private Konflikte und fehlende Anerkennung zählen zu den Hauptgründen. Viele KommunalpolitikerInnen berichten von wachsender Aggressivität im öffentlichen Diskurs. Anfeindungen in sozialen Medien und hitzige Debatten in der Öffentlichkeit sind Alltag. Wer ein Ehrenamt übernimmt, braucht nicht nur Zeit, sondern vor allem auch ein dickes Fell.
Bundespolitik und lokale Last
Gerade die kommunale Ebene ist dabei das Fundament jeder Demokratie. Hier zeigt sich ob Bürgerinnen und Bürger den Staat als handlungsfähig erleben. Angesichts eines weltpolitischen Kontextes, der zunehmend von autoritären Kräften, nationalistischen Bewegungen und geopolitischen Spannungen geprägt ist, kommt ihr eine substantielle Funktion zu; als stabile Basis, die den demokratischen Alltag absichert. Doch keine andere politische Ebene ist zugleich so stark gebeutelt wie die kommunale. Sie trägt die Last übergeordneter Ebenen und Entwicklungen, von Krieg bis Migration, und hat doch die geringste Macht.
Gleichzeitig sind die bundespolitischen Entwicklungen eine der prägendsten Kräfte, die auf die Kommunen wirken. Deutlich spürbar sind dabei die jüngsten Umfrageerfolge von AfD und Linken. Während die AfD nach dem Rechtsruck und trotz bundesweiter Massenproteste mancherorts zweistellig zulegt, profitiert die Linke von ihrer klaren Abgrenzung und verzeichnet erstmals seit Jahren stabile Werte im zweistelligen Bereich. SPD und CDU bleiben im Dauerkrisenmodus – die Sozialdemokraten ohne erkennbaren Aufbruch, die Christdemokraten zwischen Mitte und rechter Flanke zerrissen. Die Grünen sind „habeckisch“ unterversorgt. Die FDP wirkt orientierungslos und ringt um ein klares Profil und politischen Bestand. Vor diesem Hintergrund laufen die Parteien in Kassel bereits warm für die kommende Kommunalwahl am 15. März 2026: Der beginnende Wahlkampfauftakt markiert, wie stark die bundespolitische Polarisierung auf die lokale Ebene durchschlägt.
Kassler Verhältnisse
Auch in Kassel und Umland wird die schleichende Krise des politischen, aber auch des gesellschaftlichen Ehrenamts greifbar. Auf kommunaler Ebene stehen Mandatsträgerinnen und -träger vor ähnlichen Herausforderungen wie im Bundestrend. “Du hast nen Arsch voll Arbeit“ bringt es eine Vertreterin der Kassler Linkspartei auf den Punkt, „und du kriegst halt dreihundert, vierhundert Euro [Aufwandsentschädigung im Monat]“. Von einer politischen ehrenamtlichen Tätigkeit leben kann niemand – sie kostet vor allem Zeit, Energie und oft auch Nerven. Viele Engagierte, so berichtet die Lokalpolitikerin „verschwinden mit plus dreißig einfach aus dem Parteileben“, weil die Doppelbelastung aus Beruf und Familie keinen Raum für Rats- oder Ausschussarbeit lässt. Gerade Eltern und Menschen in Schichtarbeit scheiden häufig automatisch aus, da abendliche Sitzungen und Wochenendtermine mit ihren Lebensrealitäten kaum vereinbar sind. Die Erfahrung in Kassel bestätigt damit, was Studien landesweit zeigen: Die meisten ehrenamtlichen Stadt- und Gemeinderäte sind deutlich älter – zwei Drittel von ihnen über 50 Jahre alt – und männlich. Jüngere Jahrgänge sind rar, Nachrücker fehlen. In einer Umfrage der Körber Stiftung gaben 61 Prozent der Befragten an, dass sie ein Nachwuchsproblem auf ihre Kommune zukommen sehen.
Zwischen Anspruch und Realität
Die Situation spitzt sich dabei insbesondere an der kommunalen Demokratie zu. In den 23 Ortsbeiräten Kassels etwa – den Stadtteilgremien, die den direkten Draht zur Bürgerschaft bilden – sind manche Sitze nur schwer zu besetzen. Gerade für weniger prominente, aber wichtige Ämter wie Ortsbeiräte oder Ausschüsse finden sich immer seltener Freiwillige, heißt es von erfahrenen Kräften aus der Kommunalpolitik. Die Kommune hat im April 2025 ein Jugendgremium gegründet, um junge Menschen stärker in die Stadtpolitik einzubinden. Das Gremium soll den Blick der Jugend in die Stadtverordnetenversammlung einbringen und verfügt sogar über Antrags- und Rederecht dort. Doch blieben drei der 29 Sitze unbesetzt. Immerhin hatten sich insgesamt 46 Jugendliche um einen Platz beworben, was einerseits das Interesse der Jugend an Mitbestimmung zeigt. Andererseits sprechen die leeren Stühle in einzelnen Stadtteilen eine deutliche Sprache: Selbst, wenn vor allem globalpolitische Themen junge Leute bewegen, scheuen viele den langen Atem einer formalen politischen Verpflichtung vor Ort. Das deckt sich mit dem allgemeinen Trend, dass Engagement heute oft projektbezogen und zeitlich befristet gesucht wird, anstatt in längere Ämter zu münden.

KI-generiertes Bild.
Strategien gegen den Schwund
Um den personellen Aderlass entgegenzuwirken, setzen Parteien und Institutionen in Kassel auf verschiedene Strategien. Die etablierten Parteien versuchen verstärkt, ihren Parteinachwuchs der Jugendorganisationen früh einzubinden. Dennoch bleiben viele Jugendliche lieber in losen Bewegungen aktiv oder engagieren sich projektbezogen. „In der Regel rekrutieren wir unseren Nachwuchs aus gemeinsamen Kämpfen“, erklärt eine Vertreterin der Stadtlinken. Deutlich wird: Wer junge Leute erreichen will, muss dort präsent sein, wo sie sich ohnehin engagieren – auf Demos, im Netz oder in der Stadtteilarbeit.
Abseits der Parteistrukturen gibt es in Kassel Ansätze, die kommunalpolitische Beteiligung niedrigschwelliger zu gestalten. Die schon erwähnte Einführung des Jugendgremiums ist ein solcher Schritt – hier können Jugendliche ohne Parteibindung kommunale Erfahrung sammeln. Die Stadtverwaltung unterstützt zudem Initiativen wie „Kassel engagiert!“, auch findet regelmäßig das Ehrenamtsfest „Kassel sagt Danke!“ statt, wo auch politische Ehrenamtliche gewürdigt werden. Zudem experimentieren einige Stadtbezirke mit Bürgerforen und moderierten Runden Tischen, um Interessierten Mitsprache zu erlauben, ohne gleich ein Amt übernehmen zu müssen. Die Hoffnung dahinter ist, dass aus gelegentlicher Beteiligung irgendwann die Bereitschaft wächst, mehr Verantwortung zu schultern. Das bleibt zwar vage, lässt sich jedoch bestätigt fühlen in Anbetracht ihrer Anlage, die an die Bürgerräte auf Bundesebene erinnern. Beiden Ansätzen gemein ist der Versuch, neue Beteiligungswege zu öffnen, die Menschen ohne Parteibindung einbeziehen und demokratische Prozesse verankern. Politikwissenschaftlerehen darin einen Erfolg, weil solche Gremien die politische Kultur verbessern und Polarisierungen abfedern; das liegt unteranderem an der ermöglichten grundsätzlich differenzierteren Betrachtung politischer Entscheidungsprozesse sowie daran das sich die Teilnehmenden als gleichberechtigte Stimme ernstgenommen fühlten.
Die Ehrenamtspolitik und der Kern von Engagement
Auch die Merz Regierung kündigt Entlastungen für das Ehrenamt an. Von steuerlichen Vergünstigungen bis zum Abbau bürokratisch Hürden für gemeinnützige Organisationen. Doch das politische Ehrenamt bleibt ein Sonderfall: Wer in Ortsbeiräten, Kreistagen oder Stadtverordnetenversammlung Verantwortung übernimmt, profitiert davon nur am Rande. Gerade dort, wo demokratische Mitbestimmung am vermutlich unmittelbarsten wirkt, fehlen bislang und damit weiterhin konkrete Antworten auf die Frage nach Anerkennung, Entlastung und Schutz. Von den Debatten rund um Wehrdienst und Wehrpflicht bis hin zu Vorschlägen für verpflichtende Gesellschaftsdienste – etwa ein Freiwilliges Soziales Jahr für alle, ein „Bayernjahr“ oder gar ein verpflichtendes soziales Jahr für alle Rentnerinnen und Rentner, wie es der Ökonom Marcel Fratzscher anregte – geht teilweise bei verkürzter Darstellung ein falsches Signal aus. Solche Ideen verengen die Diskussion, weil sie freiwilliges Engagement mit staatlichem Zwang vermischen und damit den politischen Gestaltungsspielraum der Bürgerinnen und Bürger torpedieren sowie dass sie sich punktuell anstatt ganzheitlich auswirken. Die maßgebliche Qualität des Ehrenamts gerät damit aus dem Blickfeld: seine Freiwilligkeit.
Was jetzt hilft
Der geplante Ehrentag ist ein wichtiges Signal. Doch er allein wird die strukturellen Probleme nicht lösen. Demokratie lebt davon, dass Menschen Verantwortung übernehmen – vom Bundestag bis zu Ortsbeiräten, Stadtparlamenten und Kreistagen, vor allem auf der lokalen Ebene. Kassel steht exemplarisch für eine Entwicklung, die bundesweit sichtbar ist: Die Lücken im politischen Ehrenamt werden größer und ohne erfolgreiche Politisierungs- und Nachwuchsgewinnung droht die kommunale Demokratie ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren. Hessen plagen zwar noch keine ostdeutschen Verhältnisse hinsichtlich der Schmierfähigkeit der demokratischen Prozesse, dennoch mahnt der populistische, spalterische Ton auch konservativer Akteure zur Vorsicht, wenn der autoritäre auf dem Vormarsch ist und völkisch-radikale Töne wieder salonfähig werden.
Die offenen Fragen liegen auf dem Tisch: Wie lässt sich Politikverdrossenheit sowie extrem polarisierte Positionierungen überwinden? Welche Strukturen bedürfte es für das Ehrenamt, um wirklich von allen gelebt werden zu können? Und wer füllt die Lücken, wenn immer weniger ihre Freizeit der Demokratie widmen?
Und die passenden Antworten liegen scheinbar nicht in Ministeriumsschubladen – sondern dort wo Teilhabe gelebt wird.
Machen Sie den ersten Schritt. Besuchen Sie eine nächste Sitzung, nutze Sie Sprechstunden und knüpfen Sie Kontakte. Termine und Ansprechpersonen finden Sie im Ehrenamtsbereich der Stadt Kassel sowie im Freiwilligenzentrum Region Kassel.

KI-generiertes Bild.
13.04.2026

Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars „Journalistisch Arbeiten, crossmedial Publizieren“ im Sommersemester 2025. Die fächerübergreifende Lehrveranstaltung ist ein Angebot des Bereichs Servicelearning der Universität Kassel.
Prof. Dr. Sabine Ruß-Sattar, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, und Dipl-Ing. Klaus Schaake, Journalist und Medienmacher, begleiteten das Seminar.

M van der Put
Postergestaltung: Luisa Gräfer und Johanna Caroline Bauer 








