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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-02-05 06:44:222026-02-04 16:45:06How long is now?Blick nach drüben
22. Januar: Deutsch-Französischer Tag.
Mulhouse ohne „h“ nach dem „u“, Partnerstadt von Kassel
Schon mal gehört? Sieht französisch aus, könnte auch ein englischer Ort sein. Im Internet findet man den „Mülhäuser Platz“ im Kasseler Stadtteil Fasanenhof in der Nähe der Erlöserkirche, den Hinweis auf einen und dann auch wieder „Mühlhäuser“ mit „h“ nach dem „ü“ unter Spielplatz.net.
Nein, ein Bezug zu Mühlhausen mit zwei „h“ in Thüringen, was man vor dem Mauerfall als „drüben“ bezeichnet hat, kann nicht sein. Spaß beiseite.

Mülhäuser Platz Nordseite, Foto: Paul Leuck
Dr. Schoeller in Mulhouse: Ehrenmedaille
Das Kasseler Rathaus offenbart, es habe letztes Jahr das 60-jährige Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Mulhouse in Frankreich gegeben. Dazu sei Oberbürgermeister Dr. Schoeller mit einer kleinen Rathausdelegation vor kurzem nach Mulhouse gefahren, von der Bürgermeisterin Michèle Lutz empfangen worden, habe sich in das Gästebuch der Stadt eingetragen und als Zeichen der Verbundenheit die Ehrenmedaille der Stadt Mulhouse erhalten- „erstmals verliehen an einen Vertreter der Stadt Kassel“.
Übliche Ansprachen folgten mit Verweis auf die Industriearchitektur in Mulhouse, die Konversion von Fabriken zu Kulturorten, die Ateliers und Hochschulen sowie die Wandmalerei und Streetart im Stadtbild mit Parallelen zur Kunststadt Kassel.
„Platz der Partnerstädte“ mit Altstadtfest
Vernetzungen beider Städte wurden betont, gesellschaftlich, sportlich, auf Schüleraustauschprogramme und Städtefeste verwiesen wie das Altstadtfest in Kassel vor der Martinskirche mit seinem symbolischen „Platz der Partnerstädte“.
Große Worte wie bei solchen Delegationsreisen üblich durften nicht fehlen: das Verständnis füreinander, für die europäische Gemeinschaft zur „Sicherung von Frieden und Wohlstand“ und letztlich der Wunsch, man möge weitere 60 Jahre Partner bleiben. (Bürgermeisterin Michèle Lutz). 60 Jahre nur?!
Fasanenhof: Mülhauser Platz/ Place de Mulhouse unbekannt
Selbst im Stadtteil Fasanenhof ist der Mülhauser Platz mit der französischen Bezeichnung kaum bekannt, obwohl gut frequentiert. Keiner der zahlreichen Angesprochenen wusste etwas damit anzufangen.
Nachholbedarf also bei der Stadt im Zuge der für dieses Jahr angekündigten Neugestaltung! Wie wäre es schlicht mit dem Zusatz auf dem Namensschild „Französische Partnerstadt seit 1965 im Dreiländereck Schweiz, Deutschland, Frankreich“?

Südwestseite des Platzes, Foto: Paul Leuck
Der parkähnlich angelegte Platz unweit des Klinikums macht schließlich mit seinen circa 700 qm einen großzügigen Eindruck mit seinem breiten gewundenen von Bänken umsäumten Weg, dem alten Baumbestand, der mit einer Pergola überdachten Bank im hinteren Teil und dem dazu gehörigen stilvollen Brunnen mit Schindeldach (siehe Foto oben, Nordseite des Platzes).
Würde der noch im Sommer mit Wasser gefüllt und der angrenzende Spielplatz ansprechend ausgestattet,
(Spielplatznet.de: „Der Spielplatz macht einen mittelmäßigen Eindruck, hat einen normalen Lautstärkepegel. Zudem ist er normal besucht. Für Kinder von 3 – 12 Jahren“)
wäre das Ensemble zudem ein charmantes Entrée für den prächtigen angrenzenden Kirchenbau.
Ist die Vernachlässigung des Platzes vielleicht auf die Berücksichtigung sieben weiterer Partnerstädte zurückzuführen? Oder kann dieses kleine lokale Beispiel symbolhaft mittlerweile für die Gleichgültigkeit der Beziehungen zwischen beiden Ländern herhalten? Wohl beides!

Skizze: Thomas Urban-Müller, 1984
Elysée-Vertrag 1962
De Gaulle: „Missratene Hochzeitsnacht“, „Jungfrau geblieben“
Kontroversen haben die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland immer wieder geprägt trotz eines Vertrages, der 1962 zwischen Präsident De Gaulle und Kanzler Adenauer als Elysée-Vertrag in die Geschichte eingehen sollte.
Schon die Vertragsverhandlungen verliefen mehr als holprig. De Gaulle wollte eine strategisch deutsch-französische Kooperation mit der Emanzipation Europas von den USA. Adenauer dagegen setzte sich dagegen mit einem Vertrag durch, der den USA den Vorzug für eine strategische Kooperation gab. De Gaulle sah so die Vereinbarung in seiner Kernbotschaft als verfehlt an. Überliefert ist seine Kommentierung als „missratene Hochzeitsnacht“, weil „Jungfrau“ geblieben (vgl. Corine de France/Ulrich Pfeil: Deutsch-französische Geschichte, 1945-1963, WBG 2011)
Millionen Jugendliche auf deutsch-französischer Kennen-Lern-Reise
Trotz vieler Zweideutigkeiten in den deutsch-französischen Beziehungen führte der Vertrag zu einer Stärkung der wissenschaftlichen Kooperationen und zu einer Optimierung des Deutsch-bzw. Französischunterrichts in den beiden Ländern. Der Jugendaustausch sollte ins Zentrum gerückt werden. Das dazu gegründete Deutsch-Französische Jugendwerk konnte allein in der ersten vierzig Jahren seines Bestehens 200.000 Austauschprogramme befördern mit der Beteiligung von über sechs Millionen Jugendlichen.

Skizze: Thomas Urban-Müller, 1979
Auch Städtepartnerschaften, die erste gab es bereits 1950, erfuhren eine Aufwind durch die nun engere Partnerschaft.
In den 80-er Jahren führte einer Rede des französischen Präsidenten François Mittérand vor dem Bundestag zur „Mystifikation“ des deutsch-französischen „Paares“. Von „Tandem“ war die Rede. So wird seit 2003 der 22. Januar als „deutsch-französischer Tag“ begangen.
Trotz alledem läuft das neue Tandem nicht rund. Es gelingt kaum, das neue Team in der Breite der Bevölkerung für den Zusammenhalt Europas als politisches Zentrum weiter bekannt zu machen.
Ein Folgevertrag mit noch höheren Ambitionen, der Aachener Vertrag von 2019, sollte die Beziehung beleben.
Beziehungskrise?
Kann man sagen, wenn man sich den neuen Versuch des „deutsch-französischen Paares“ anschaut, die Krise zu meistern.
Gemeinsame Verteidigungsprogramme, Verstärkung der Partnersprachen wie Städtepartnerschaften werden verabredet. Eine „Agenda 2030“ für nachhaltige Entwicklung „im Kampf gegen den Klimawandel“ (Pariser Klimaschutzabkommen 2015) soll „die Energiewende in allen einschlägigen Bereichen weiter vorantreiben“.
Wieder Große Worte, was ist davon übriggeblieben? In Frankreich werden flächendeckend Tempo 30-Zonen in nahezu allen Großstädten, allen voran Paris, eingeführt.
In Deutschland wird mit der Umstellung der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien, derzeit knapp 60%, ein großer Schritt zum Ausstieg aus fossiler Energie gemacht.

Foto: Paul Leuck
New Deal
Ein kleiner gemeinsamer Nenner, wenn man bedenkt, dass man sich andererseits einen Freibrief erteilt hat mit einem „New Deal“, in Frankreich Atomenergie und in Deutsch-land Gasverbrennung als „Green“, ohne ein verbindliches Ausstiegsdatum zu nennen.
Adieu, Pariser Klimaschutzabkommen, Adieu Sprachförderung (immer weniger lernen die „Nachbarschaftssprache“)!
Adieu gemeinsame Verteidigungsprogramme? Hier könnte es ein Umdenken geben. Der einstige amerikanische Freund, im Elysée-und Aachener Vertrag noch gefeiert, verlässt im wahrsten Sinn des Wortes mit dem autokratischen Präsidenten Trump derzeit die gemeinsame Fahne und setzt sich vom VerteidigungsbündismNato ab.
Sind Deutschland und Frankreich als ökonomisch stärkste Länder Europas nun aufgefordert, im Sinne des Elysée-Vertrags nach De Gaulle Plan doch noch eine „privilegierte Partnerschaft“ einzugehen? Werden sie jetzt herausgefordert, mit weiteren europäischen Partnern eine gemeinsame Verteidigungsgemeinschaft aufzubauen, um sich militärisch gleichermaßen gegen die russische Diktatur und die amerikanische Autokratie wappnen zu können?
Hoffnung: Great New Deal
Gelänge dies, könnte das deutsch-französisch Tandem doch noch auf Fahrt kommen: Statt „Tour de France“ oder „Deutschland-Tour“ jedes Jahr eine „Europa-Tour!
Etappenorte könnten dann herausgeputzte, schön geschmückte Plätze sein, die zunächst deutsch-französische Städtepartnerschaften und in Zukunft „Plätze der Partnerstädte“ ins Bild setzen.
Wo sich diese Plätze befinden und was sie bedeuten sollen, würde dann doch jede(r) wissen, oder?!
Autor:
Paul Leuck, Januar 2026
(Gründungsmitglied des Deutsch-Französischen Forums Kassel, e. V.)
Hintergrund:
Dieser Text ist Teil der Challenge „Gemeinnütziger Lokaljournalismus“ des SDG+ Labs der Universität Kassel. Sie gehört zum Themenjahr 2025/26 „Arbeit und Wirtschaften„.
Diese Challenge startete Ende Oktober 2025 und läuft noch bis Juli 2026. Im Rahmen der Challenge findet eine Gruppe interessierter Menschen heraus, welche Möglichkeiten und Perspektiven es für einen am Gemeinwohl orientierten und solidarisch finanzierten Lokaljourmnalismus für Kassel und Region gibt. Die Gruppe ist offen, Interessierte können jederzeit hinzukommen.
Kontakt:
York Kautt
Programmleitung SDG+ Challenge und Akzelerator
E-Mail: challenge(at)uni-kassel.de
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