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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-01-22 16:23:172026-01-23 07:41:07BOCKWURSCHTBUDE + LOST LYRICS in Goldgrube KasselBlick nach drüben
Gewalt gegen Frauen ist ein allgegenwärtiges, oft verdrängtes Problem, das sich in erschütternden Lebensgeschichten und literarischen Werken widerspiegelt. Anhand der Romane von Édouard Louis wird sichtbar, wie schwer der Weg aus der Gewalt ist – und wie notwendig gesellschaftliche Unterstützung bleibt.
„Die Königin von Paris“
Was kann es Existenzielleres für eine Frau geben als sich aus den Fängen ihres gewalttätigen Mannes zu befreien?
Wir denken in diesen Aktionstagen der UN mit der weltweiten Kampagne „Orange the World“ gegen Gewalt an Frauen an eine berührende Szene in einem Hamburger Theater vor ein paar Jahren. Dorthin wurde der französische Romanautor Edouard Louis mit seiner Mutter eingeladen, um an der Premiere der Bühnenfassung seines Buches „Die Freiheit einer Frau“ (deutscher Titel) teilzunehmen. Es geht in diesem auto-fiktionalen Buch von Louis um die leidvolle Trennung seiner Mutter von ihrem gewalttägigen Ehemann.
Die Bühnenfassung in Hamburg hat sich dann mehr am Originaltitel <Combat et Métamorphoses d’une Femme<, 2021, („Kampf und Wandlungen einer Frau“, wörtliche Übersetzung) orientiert und damit ist der Mutter von Louis und allen gequälten und gedemütigten Frauen auf der Theaterbühne ein weiteres literarisches Denkmal gesetzt worden. Die Aufführung wurde zu einer großen Feier mit dem Publikum und den Theatermusikerinnen. Diese waren so ergriffen, gleichzeitig gerührt von den begeisterten Reaktionen der realen Protagonistin, dass sie ihr eigens für diesen Abend komponiertes Chanson „Die Königin von Paris“ als Zugabe mehrfach darboten.
„Monika bricht aus“
Beim Lesen des zweiten Romanklassikers von E. Louis (<Monique s’évade>, 2024, dt. „Monique bricht aus“) zu diesem Thema mit der zweiten und endgültigen Trennung seiner Mutter von einem wiederum gewalttätigen Mann, wird diese grandiose Feier in Hamburg mit über 1200 Zuschauern wieder lebendig. Sie sollte der Auftakt für den endgültigen Sieg seiner Mutter über sich selbst sein (<je me suis encore transformée>, dt. „ich habe mich noch verändert“). Sie war zu diesem Zeitpunkt 57 Jahre alt und die Leser feiern dieses Mal in Gedanken mit bei der Lektüre dieses großen Romans.
Die Befreiung von Louis‘ Mutter, so die universelle Botschaft, war nur möglich durch die große Hilfe, die ihr vor allem durch ihren Sohn, dessen Freund und auch durch ihre Tochter zu teil wurde.
Exemplarisch ist dieser Befreiungsprozess. Die Botschaft ist: er gelingt nur mit umfassender Hilfestellung vor allem für Frauen, die finanziell abhängig sind. Edouard Louis führt dies am Beispiel seiner Mutter aus, die auf das Einkommen ihres Mannes angewiesen ist, zumal sie darüber hinaus aus kleinen sozialen Verhältnissen kommt.
„Den Himmel nie von innen, die Erde nie vom Himmel gesehen“
Sie, die „nie ein anderes als das eigene Land gesehen hat, nie in Kontakt mit einer anderen Kultur war, nie ein Flugzeug genommen hat, nie den Himmel von innen und die Erde vom Himmel gesehen hat, nie in einem Hotelzimmer geschlafen hat und nie ins Theater gegangen ist“, kann dies in wenigen Tagen dank ihres Sohnes nachholen. Er kann sie mit einer Krönungsfeier zu ihrer „Befreiung“ auf dem literarischen Altar eines Hamburger Theaters beschenken. Welch ein Glück, welch ein seltener Fall!
„Ein ewiges Thema – Geruch tausendjähriger Gewalt“
In diesem Bewusstsein schildert Edouard Louis in ergreifenden Szenen die Rückfall-Sequenzen seiner Mutter, die er nur mit seiner eigenen tatkräftigen Hilfe durchbrechen konnte. So wird der Roman exemplarisch zum Aufruf an die Gesellschaft und die Politik, das Thema „Gewalt an Frauen“ nicht nur an Jahrestagen aufzugreifen, sondern zu einem Dauerthema, das es ist, zu machen und umfassendere Hilfsangebote zur Verfügung zu stellen.
Letztendlich ist es ja nicht nur ein privates Thema, sondern wie Louis schreibt habe es den „Geruch tausendjähriger Gewalt“, den Geruch, ein ewiges Thema zu sein.
Das Buch kann als Aufruf zur Hilfestellung für die zahllosen drangsalierten Frauen gelesen werden, von denen viele die Gewalt ihrer Ehemänner, Partner oder Stalker nicht überleben.
Ein Mord an Frauen jeden dritten Tag, drei Mordversuche jeden Tag
In Deutschland wie in Frankreich ist statistisch die Rede von mehr als einem Mord jeden dritten Tag, in Frankreich von drei Mordversuchen pro Tag.
Um so wichtiger ist die weltweite Kampagne der UN vom 25. November bis 10. Dezember zur Beendigung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Sie konnte auch dieses Jahr in Kassel mit vielfältigen Aktionen im Stadtgebiet, mit Filmen, Lesungen, Ausstellungen, Vorträgen, einer Demonstration und Menschenkette Aufmerksamkeit erzeugen.
Zu wünschen bleibt, dass diese Manifestationen über das jährliche Ritual hinaus dazu dienen können, im Bewusstsein der Menschen einen größeren Platz einzunehmen angefangen bei den zahlreichen Familienfesten mit regelmäßig erhöhtem Konfliktpotential am Jahresende.
4.1.2026
Der Autor:
Hintergrund:
Dieser Text ist Teil der Challenge „Gemeinnütziger Lokaljournalismus“ des SDG+ Labs der Universität Kassel. Sie gehört zum Themenjahr 2025/26 „Arbeit und Wirtschaften„.
Diese Challenge startete Ende Oktober 2025 und läuft noch bis Juli 2026. Im Rahmen der Challenge findet eine Gruppe interessierter Menschen heraus, welche Möglichkeiten und Perspektiven es für einen am Gemeinwohl orientierten und solidarisch finanzierten Lokaljourmnalismus für Kassel und Region gibt. Die Gruppe ist offen, Interessierte können jederzeit hinzukommen.
Kontakt:
York Kautt
Programmleitung SDG+ Challenge und Akzelerator
E-Mail: challenge(at)uni-kassel.de
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