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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-02-05 06:44:222026-02-04 16:45:06How long is now?EinWurf
Fragliches zum Marmorbad
„Why bad?“
Wer Gelegenheit hat, sich über einen längeren Zeitraum in der Nähe des Marmorbades an der Orangerie aufzuhalten, erfährt Erstaunliches. Professionelle Guides, autodidaktischer Ortsansässige, kompetenzausstrahlende Familienoberhäupter oder auswärtige Passanten sind damit befasst, Ganz-, Halb- oder Unwahrheiten über Sinn und Zweck des barocken HKH-Gebäudes in der Karlsaue zu vermitteln. Schon bei äußerlicher Inaugenscheinnahme sehen sich berufene wie unberufene Autoritäten herausgefordert, mit ihren individuellen Ansichten und Wissensbeständen zu imponieren. Kein Wunder, bietet doch bereits die originelle Bezeichnung des Bauwerks Anlass zum Fragen: Bad für Marmor, aus Marmor oder gar in Marmor? Angesichts solch dubioser Ausgangslage offenbaren sich Verirrungen der Erinnerungskultur, bei denen sich rudimentäre Sachkenntnis mit Scheinwissen paart. Dabei zeigt sich: Die Welt des Marmorbades ist eine Welt voller Missverständnisse. Da kann sogar ein fragmentarisches Protokoll von Abgelauschtem zum Symptom werden für die Relativität von Wahrheit, für die Unfähigkeit zu wissen und für die Vielgestaltigkeit der Realitätswahrnehmung. So ist beispielsweise die personelle Zuordnung oft von Unsicherheit geprägt: „Hier, das Marmorbad von Kaiser Wilhelm!“ „Nein, nicht der!“ „Sondern von wem?“ „Irgendein anderer Kaiser.“ Welcher Infrage kommt, ahnt ein anderer
Informant. Jedoch auch der weiß nur zu fragen: „Weißt Du, warum Napoleon da gebadet hat?“ Eine Schulklasse, augenscheinlich unterwegs zum modernen Auebad, wird vom Sportpädagogen korrekt über die antiquierte Badanlage informiert: „Das ist das Bad des Landgrafen. Aber der hat nie darin gebadet.“
Der Primus weiß es besser: „Doch! In Wein.“ Aufgesessen ist der Besserwisser einer Münchhausiade, die selbst vom etablierten Begleitservice kontinuierlich kolportiert wird: die auf kasselwiki.de in der Rubrik „Nordhessische Curiosa“ am Leben erhaltene Legende vom Rotweinbad König Jérômes. Wem das zweifelhafte Kuriosum zum dekadenten Lokalpotentaten nicht kurios genug ist, toppt es mit dem Hinweis auf einen „findigen Kasseler Kaufmann“, der die Badeflüssigkeit anschließend in Flaschen abgefüllt und „für teuer Geld“ verkauft habe. Und nach der Pointe „Es sollen sogar ein paar Liter mehr gewesen sein“, belohnt regelmäßig tosendes Gelächter die findige Führungskraft. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, folgt hin und wieder die Relativierung: „Das jedenfalls erzählt man sich in Kassel.“ Die einzigen aber, die solches erzählen, sind die Guides.

Insbesondere wenn Humor ins Spiel kommen soll, gerät historische Korrektheit ins Hintertreffen. Ein Gästeführer der launigen Art nimmt es mit der Wahrheit daher nicht so genau: „Hier kommt jetzt das Marmorbad“, kündigt er an. „Ihr könnt Euch schon mal nackig machen. Könnt Ihr mal reingehen.“ Von anderen wird dort eher die Befriedigung weitergehender Bedürfnisse vermutet: „Da! Ein Marmorbad! Da ist sicher eine Toilette drin“, so der erleichterte Stoßseufzer einer Passantin – ein naheliegendes Missverständnis, das auf einen eklatanten Mangel des Ambientes hinweist, der die umgebende Vegetation immer wieder in Mitleidenschaft zieht. Auch ist die Verwechslung mit anderen Attraktionen der documenta-Stadt nicht ausgeschlossen: „Das Marmorbad? Ja, da steht auch der Laser.“ Und in Extremfällen steht das gesamte Gebäude zur Disposition: „Hier vorne, der rechteckige Würfel, das ist das Planetarium.“ Was prompt noch ausgedehntere Fragen aufwirft: „Wat wollen die da oben rumfliegen? Machen doch alles kaputt. Is hier unten nich schön genug?“
Gleichermaßen lässt die Beherrschung der Baugeschichte zu wünschen übrig: „Das hier ist die Orangerie. Das war alles weg. Das Marmorbad haben sie nach dem Krieg neu wiederaufgebaut.“ Und eine Gästeführerin mit knappem Zeitbudget begnügt sich mit dem Warnhinweis „Hier wird geheiratet!“ Auch Lehrpersonal erweist sich nicht immer als sattelfest. Beim Spähen durch die Gitterfenster folgt auf die Schülerfrage nach der figürlichen Innenausstattung die Verlegenheitsauskunft: „Das sind wohl die alten Könige aus Stein.“
Selbst offizielle Informationsmedien sind nicht notwendigerweise hilfreich. Als HKH noch MHK war, warb eine Plakatkampagne für die verschiedenen Museumsstandorte mit jeweils einem Schlagwort, das in Versalien das Format beherrschte. Für das Marmorbad war es naheliegender Weise „BAD“, unübersehbar positioniert auf einem Plakatständer am Eingang. Einmal wurde einer kleinen Schar englischsprachiger Touristen das Kleinod mit Emphase
vorgestellt, seine Schönheiten gepriesen und die Innenausstattung im Detail erläutert. Die Gruppe zeigte sich gebührend beeindruckt – eine Frage aber blieb: „But why bad?“ Die diesbezügliche Irritation mündete in einen homophonen, Marx-Brothers-ähnlichen „Why a Duck“/„Viaduct“-Disput, in dessen Verlauf nicht zu klären war, wieso ein solches Juwel von den Eigentümern als „bad“ geschmäht wurde.
Doch auch wenn die Sachinformationen keine Fragen offen lassen, wissen nicht alle Passanten die historische und ästhetische Bedeutung des Objekts zu schätzen. Selbst ältere Menschen finden an den Antiquitäten kein Gefallen und verweigern den Eintritt: „Wem das gefällt? Das alte Zeuch is nix für mich.“
Diejenigen, die als Aufsichten im Interieur des alten Zeuchs Verantwortung tragen, werden wahrscheinlich noch ganz andere Fragen beantworten müssen.
Faktencheck: „Es ist ein Bad, in dem nie gebadet wurde: Das Marmorbad (…) diente festlichen Anlässen und der fürstlichen Repräsentation. Landgraf Carl ließ es 1722 bis 1728 durch den französischen Bildhauer Pierre Étienne Monnot (1657–1733) entwerfen und ausstatten. Skulpturen aus Marmor in Lebensgröße, Reliefs mit Motiven aus der antiken Mythologie, Bildnisse des Landgrafenpaars und farbige Wandverkleidungen überwältigen das Auge. (…) Es ist eines der bedeutendsten Ensembles barocker Raumkunst nördlich der Alpen.“ www.heritage-kassel.de/standorte/marmorbad
16.01.2026
Kassel und Marburg. er ist tätig als Kunstwissenschaftler, Kurator und Autor. Für die StadtZeit kümmert er sich in der Kolumne „EinWurf“ regelmäßig um erfreuliche oder unerfreuliche Begebenheiten im Kulturbereich.
Diesen Artikel auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 126, Winter 2025/26, S. 53
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