EinWurf

Das Gedankengrab

Ansatz zu einem neuen Denkmaltyp

Orte des Gedenkens gehören zu den geläufigen Erscheinungen im öffentlichen Stadtraum. In Gestalt von Skulpturen, Installationen oder Informationstafeln bereichern sie das kollektive Gedächtnis, stiften sie lokale Identität und versuchen sie, sich im visuellen Getöse des urbanen Betriebs zu behaupten. Doch da ist eine, die sich um das Gegenteil bemüht: die sich verbirgt vor den Augen der Öffentlichkeit und übersehen werden will, indem sie sich gemein macht mit den Bekritzelungen und sonstigen Menetekeln des städtischen Lebensraums. An einer seitlichen Begrenzungsmauer im oberen Teil der Treppenstraße gibt es nahe am Boden ein unscheinbares, 17 x 17 cm messendes Täfelchen zu entdecken: „Hier ruht: ein Gedanke“. Eine handschriftliche Botschaft, mit ungelenker Sorgfalt aufgebracht, die zu denken gibt. Ausgerechnet an dieser unbedeutenden Stelle, unterhalb von Laterne und Abfallbehälter, ist jemand auf die Idee gekommen, einem Gedanken ein Denkmal zu setzen: eines, das nichts von dem auf weist, was gemeinhin ein Erinnerungsobjekt für Personen oder Ereignisse auszumachen pflegt. Statt Erhöhung über die Alltagswelt ein Ruhen auf dem schmalen Sockel des Unterstrichs. Die schlichte Kachel mit dem knappen Text, gehalten in einer
unprofessionellen Optik, lässt Gleichgültigkeit gegenüber zeitgemäßen Typografie- und Designregeln erkennen und verweigert nähere Auskünfte. So fehlen Namen, Daten und Meriten, von dekorativem Aufwand und beeindruckenden Würdeformen keine Spur. Der ästhetische Ehrgeiz dieses schriftlichen Hinweises besteht stattdessen darin, sich unauffällig zu machen. Ohne aufdringliche Gebärde (U. Sonnemann: „Das Verschwiegene bedarf keiner Gebärde, ja es erträgt keine.“) scheint die Rechnung des Verschweigens aufzugehen: Wer hat jemals dort Vorübergehende innehalten sehen?
„Geben Sie Gedankenfreiheit“, hatte Marquis von Posa in Friedrich Schillers Drama „Don Karlos“ gefordert. Irgendeiner dieser Freigesetzten hat es – glücklich zu Ende gedacht oder vorzeitig kollabiert – anscheinend bis hierher geschafft. Von einem Vereinzelten ist die Rede, ohne Beziehung zu anderen, mit denen gemeinsam sich eine Argumentation ergeben hätte, jedoch privilegiert gegenüber all dem sonstigen Gedachten und Ungedachten. Da nun aber das Denken allemal eine solistische Angelegenheit ist, und solange ein Endlager für abgelebtes Gedankengut fehlt, müssen Einzelmaßnahmen wie diese ausreichen.
Unerfindlich bleibt, welche Institution oder Person zu welchem Zeitpunkt diesen bescheidenen Gedenkort gestiftet hat; sein Erhaltungszustand deutet auf eine länger zurückliegende Entstehung hin. Desgleichen fehlt ein Hinweis, wann der betreffende Gedanke gedacht wurde. Ruht hier ein eigener oder ein vorgefundener, dessen sich die anonyme Instanz lediglich angenommen hat? Wurde er an dieser Stelle oder eher anderswo gedacht? Ist er nur einmal gedacht worden oder viele Male, bis er sich schließlich hier erschöpft niedergelassen hat? Fragen über Fragen – und das Schweigen der Tafel ruft nach weiteren: Was wird aus einem Gedanken, wenn er gedacht, also in der Welt wirksam geworden ist? Wohin mit ihm, wenn er verbraucht, gealtert, ausgedacht ist? Kann er ein weiteres Mal gedacht werden, oder ist er erledigt, zu entsorgen an belangloser Stelle wie dieser? Und benötigt ein Gedanke, also ein immaterieller Gehirnzustand, tatsächlich einen materiellen Ort, um im ausgedachten Zustand zu ewiger Ruhe zu kommen? Auch ist nicht auszumachen, wo genau dieses Hier zu verorten ist. In prekärer Bodennähe jedenfalls besteht die permanente Gefahr der Beschädigung der urbanen Fußnote mitsamt dem zugrundeliegenden Gedanken. Das Hier ist dem Zutritt der Gedankenlosen preisgegeben. „Alle Gedanken scheinen das Gestöhn des von Engeln zertretenen Gewürms zu sein“, mutmaßt der Gedankenskeptiker E.M. Cioran in seiner „Gedankendämmerung“. Ein Gestöhn ist hier, in der städtischen Geräuschkulisse, allerdings nicht auszumachen, so wenig wie es sich bei den Passanten um Engel handelt.


„Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten, sie fliegen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen“, wird im Volkslied gesungen. Und Totalkünstler Timm Ulrichs ergänzte geschäftstüchtig: „Meine Gedanken sind frei, aber nicht gratis!“ Trotzdem wüsste man hier – möglichst gebührenfrei – den Gehalt des Gedachten. „Das Universum ist ein Gedanke Gottes“, wusste Schiller. Dass es sich um diesen Gedanken handelt, der hier ruht: So weit sollte man in Kassel nicht gehen. Doch muss er von gewisser Tragweite gewesen sein, da ihm eine solche Ehrung zuteilwurde. Was also war seine Substanz? War er ein leichtgewichtiger oder ein mühsamer? War er wohlwollend oder gehässig, ungereimt oder clever, emotional oder sachlich, friedlich oder aggressiv, gerade heraus oder gar quer? War er mit der Realitätin Übereinstimmung – um nicht zu sagen: wahr – oder auf Kollisionskurs – um nicht zu sagen: falsch? Über all das lässt uns das Grabmal des unbekannten Gedankens im Ungewissen.
„Wenn es einen Gedanken gibt, den du nicht kennst, denke den Gedanken. Kostet er dich Geld, verlangt er dein Haus: Denke ihn, denke ihn! Du darfst es! Im Interesse der Ordnung. Zum Besten der Stadt. Für die Zukunft der Menschheit. Zu deinem eigenen Wohlbefinden darfst du.“ So lautet eines der „Gesetze der Glückseligkeit“, das Bertolt Brecht in „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ als anarchistischen Appell an eine saturierte Stadtgesellschaft ausgegeben hat. Die Stadt Kassel hat sich zu ihrem Besten und ihrer Glückseligkeit ein Denkmal gestattet. Ob es einem jener Gedanken gilt, der jemanden um Haus und Hof gebracht hat, bleibt unerforschlich. Möglicherweise ist dieser Ort Teil einer Gedanken-Nekropole, in der abgenutzte, gescheiterte oder auch hochmögende Geisteszustände auf Dauer abgelegt sind. Was hier ruht, ist nichts Geringeres als ein Ansatz zu einem neuen Denkmaltyp. Dem Kasseler Museum für Sepulkralkultur mag sich an dieser Stelle ein weiteres Forschungs- und Sammlungsfeld auftun. Bei genauerem Hinsehen warten sicher noch andere Ruhestätten auf Entdeckung. Halten wir Ausschau nach Gedanken!

30.10.2026

Der Autor Dr. Harald Kimpel
studierte Kunstpädagogik und Kunstgeschichte in Kassel und Marburg. Er ist tätig als Kunstwissenschaftler, Kurator und Autor. Für die StadtZeit kümmert er sich in der Kolumne „EinWurf“ regelmäßig um erfreuliche oder unerfreuliche Begebenheiten im Kulturbereich.

Dieser Artikel ist auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 129, Herbst 2026, S. 43
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