Lehrjahre einer Trauerrednerin

Ein Mensch stirbt. Der große Abschied bewegt Gefühle, Erinnerungen, offene Fragen ohne Antworten. Und plötzlich steht die Planung einer Bestattung mitten im Raum …

Vor 10 Jahren – mein Telefon klingelt. Ein Todesfall. Ob ich Zeit habe? Der Auftrag: Eine Abschiedszeremonie mit Trauerrede für die Beerdigung. Aufregung. Dies ist mein erster Einsatz als Trauerrednerin.

Mut und Trost sind erlernbar
Die Witwe bittet mich zu einem Gespräch in ihr Haus. Sie wirkt sehr zerbrechlich. Vor ihr auf dem Tisch liegen sorgfältig geordnete Notizen und Fotos, die sie zu Beginn unserer Unterhaltung immer wieder mal mit zärtlichen Gesten berührt. Ich frage, wie sie sich fühlt. Sie antwortet: „Wir waren glücklich. Doch gut, dass er jetzt gestorben ist.“ Es bleibt kurz still im Raum. Und dann bricht es aus ihr heraus, das ganze lange Leben mit ihm. Sie kannten sich seit Kindertagen. Ihr gemeinsamer Weg hatte viele Stationen – der Krieg, die schwere Arbeit, die Heirat, der Verlust ihres einzigen Kindes, der tröstliche Gemüsegarten, die Freunde, ihre wenigen Urlaube und die Liebe für klassische Musik. „Nein“, sagt sie, „die Kirche war kein Ort für uns.“ Die Musik aber wohl. Er vertraute dem Leben. Dann kam die schlimme Krankheit. Und nun bin ich allein. „Er fehlt mir so sehr.“ Sie weint. Ich frage, ob wir seine Lieblingsmusik hören wollen. Sie putzt sich die Nase, schenkt Tee nach und dann lauschen wir eine Weile den Klängen einer Symphonie. Beim Abschied bleibt sie im Sessel sitzen. Sie winkt. „Bis morgen.“ Ihre traurige Einsamkeit ist so heftig spürbar, mein Bauch wird hart, mein Atem flach. Auf dem Heimweg steigen Zweifel auf. Kann ich das? Was wird hier wirklich gebraucht? Ich lasse
die Tränen einfach laufen, fahre heim und beginne ohne Umwege die biografische Erzählung des Verstorbenen zu schreiben. Dann stelle ich eine passende Musikauswahl zusammen, finde Zitate über Tod und Liebe, denke mir ein Kerzenritual aus und sehe in mir die kleine, uralte Frau, die den verstorbenen Mann betrauert. Schüchtern trage ich mir selbst die Zeremonie vor, ändere Kleinigkeiten und suche beim Einschlafen meinen Mut für diese Begleitung.
Es war eine friedliche Beerdigung. Bei eiskaltem, sonnigem Wetter lassen die Träger den Sarg in die Erde hinab. Die Witwe und ich blickten uns in die Augen. Mein Herz war ruhig bei ihr, meine Füße fest auf dem Boden. So erfuhr ich direkt am Anfang dieser beruflichen Entscheidung meine wichtigste Aufgabe: Einfühlsame Präsenz unerschütterlich in den Dienst der trauernden Menschen stellen.

Foto: Eva Keller

Geborgenheit und Sinn brauchen Hingabe
Es folgten viele Bestattungen. So unterschiedlich die familiären Beziehungen oder Ansprüche waren und sind, so verbindend bleibt die Erfahrung aller Hinterbliebenen, dass der mächtigste „Game Changer“ tatsächlich dazu gehört. Mit jedem feierlichen Abschied, den mir Familien anvertrauen, weitet sich mein Empfinden für diesen regenerativen Wandel, den wir Tod nennen. Das tiefe Wissen um die zyklische Kraft des Lebendigen ist nicht erloschen, nur verdeckt von kulturellen Prägungen. Die Sehnsucht nach transzendenter Geborgenheit bettet sich in vielfältigen Geschichten und Vorstellungen. Oft finden Menschen Dankbarkeit, Mitgefühl und Hingabe in der Schönheit der Natur, in Musik oder liebevollen Erzählungen und Umarmungen. Jedes „Ich“ braucht ein „Du“. So gestaltet der freie, menschliche Geist seine heiligen und heilsamen Bilder, die als treue Gefährten zur Seite stehen. Die geteilten Erfahrungen zeigen es mir und schenken mir Vertrauen: Die existenziellen Übergänge, Geburt und Tod, öffnen die Wahrnehmung für eine Kraft, die in jedem Menschen wohnt. Wir können Sinn intuitiv fühlend erfassen. Jenseits aller Konzepte und Worte.

9.4.2026

Die Autorin Eva Keller
steht mit ihrer Initiative forum8 für regenerative Lebensformen, innere und äußere Transformation, für Sterbekultur und für die gemeinsame Entwicklung von Zukunftskompetenzen. Dafür öffnet sie Vertrauens- und Lernräume und bietet Workshops und Coachings an.

Dieser Artikel ist auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 127, Frühjahr 2026, S. 4
>> hier zu lesen

Ähnliche Themen

Architektur auf der Leinwand

Am 29. September 2026 lädt ein neuer Architekturfilmtag im ehemaligen Sinn&Leffers-Kaufhaus in Kassel dazu ein, die Verbindung von Film, Baukultur und Stadtgeschichte zu entdecken.

Fimmatinee Fanny Hensel

Am Sonntag, 6. September 2026 um 11:00 Uhr, lädt das Kasseler Kulturforum zur Filmmatinee „Die geniale Schwester – Fanny Hensel“ mit Live-Klavier in die Lagerhalle des Furore Verlags ein.

Matinée im Palais Bellevue – Duo con moto

Am Sonntag, den 6. September 2026, um 11:00 Uhr lädt das Duo con moto anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des Furore Verlags zu einer hochkarätigen Matinée mit Werken bedeutender Komponistinnen ins Palais Bellevue ein.

Wenn Wände subtil sprechen

Wie großformatige Murals das Gesicht einer Stadt mitformen und warum das tiefer wirkt, als wir ahnen.

Kunstmesse Kassel 2026

Die sechste Kunstmesse findet vom 18. bis 20. September in der documenta-Halle statt.
© Urs Lüthi, Courtesy Galerie Coucou

Eine Legende kehrt zurück

Kunsttempel und Galerie Coucou zeigen Fotografien, Videos, Installationen, Malerei und Skulpturen des international renommierten Schweizer Künstlers Urs Lüthi.
Claudia Harwardt

Ausstellung „Form & Geist“

Bekannt ist David Harwardt alias Jackules für seine großformatige Fassadenkunst im Kasseler Stadtbild. Mit der Ausstellung „Form & Geist“ zeigt der Kasseler Mural Artist nun erstmals seine Arbeiten auf Leinwand im Pluteum am Königstor. 19. September bis 10. Oktober 2026 · Do–So · 14–18 Uhr

„Da ist Musik drin“

Eine neue Ausstellung in der Handwerkskammer Kassel gibt Einblicke in die Vielfalt des Instrumentenbaus in der Region. Vom 4. September bis 16. Oktober in der HANDWERKSFORM am Scheidemannplatz

Alphornklänge vom Willinger Hausberg

Seit über 30 Jahren startet die Alphornmesse mit dem Weckruf vom Ettelsberg. Diesen Sonntag, den 30. August 2026, wird es wieder so sein.