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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-04-17 16:06:432026-04-17 21:35:20FORCED TO MODE – Depeche-Mode-Coverband in Bad Sooden-AllendorfLehrjahre einer Trauerrednerin
Ein Mensch stirbt. Der große Abschied bewegt Gefühle, Erinnerungen, offene Fragen ohne Antworten. Und plötzlich steht die Planung einer Bestattung mitten im Raum …
Vor 10 Jahren – mein Telefon klingelt. Ein Todesfall. Ob ich Zeit habe? Der Auftrag: Eine Abschiedszeremonie mit Trauerrede für die Beerdigung. Aufregung. Dies ist mein erster Einsatz als Trauerrednerin.
Mut und Trost sind erlernbar
Die Witwe bittet mich zu einem Gespräch in ihr Haus. Sie wirkt sehr zerbrechlich. Vor ihr auf dem Tisch liegen sorgfältig geordnete Notizen und Fotos, die sie zu Beginn unserer Unterhaltung immer wieder mal mit zärtlichen Gesten berührt. Ich frage, wie sie sich fühlt. Sie antwortet: „Wir waren glücklich. Doch gut, dass er jetzt gestorben ist.“ Es bleibt kurz still im Raum. Und dann bricht es aus ihr heraus, das ganze lange Leben mit ihm. Sie kannten sich seit Kindertagen. Ihr gemeinsamer Weg hatte viele Stationen – der Krieg, die schwere Arbeit, die Heirat, der Verlust ihres einzigen Kindes, der tröstliche Gemüsegarten, die Freunde, ihre wenigen Urlaube und die Liebe für klassische Musik. „Nein“, sagt sie, „die Kirche war kein Ort für uns.“ Die Musik aber wohl. Er vertraute dem Leben. Dann kam die schlimme Krankheit. Und nun bin ich allein. „Er fehlt mir so sehr.“ Sie weint. Ich frage, ob wir seine Lieblingsmusik hören wollen. Sie putzt sich die Nase, schenkt Tee nach und dann lauschen wir eine Weile den Klängen einer Symphonie. Beim Abschied bleibt sie im Sessel sitzen. Sie winkt. „Bis morgen.“ Ihre traurige Einsamkeit ist so heftig spürbar, mein Bauch wird hart, mein Atem flach. Auf dem Heimweg steigen Zweifel auf. Kann ich das? Was wird hier wirklich gebraucht? Ich lasse
die Tränen einfach laufen, fahre heim und beginne ohne Umwege die biografische Erzählung des Verstorbenen zu schreiben. Dann stelle ich eine passende Musikauswahl zusammen, finde Zitate über Tod und Liebe, denke mir ein Kerzenritual aus und sehe in mir die kleine, uralte Frau, die den verstorbenen Mann betrauert. Schüchtern trage ich mir selbst die Zeremonie vor, ändere Kleinigkeiten und suche beim Einschlafen meinen Mut für diese Begleitung.
Es war eine friedliche Beerdigung. Bei eiskaltem, sonnigem Wetter lassen die Träger den Sarg in die Erde hinab. Die Witwe und ich blickten uns in die Augen. Mein Herz war ruhig bei ihr, meine Füße fest auf dem Boden. So erfuhr ich direkt am Anfang dieser beruflichen Entscheidung meine wichtigste Aufgabe: Einfühlsame Präsenz unerschütterlich in den Dienst der trauernden Menschen stellen.

Foto: Eva Keller
Geborgenheit und Sinn brauchen Hingabe
Es folgten viele Bestattungen. So unterschiedlich die familiären Beziehungen oder Ansprüche waren und sind, so verbindend bleibt die Erfahrung aller Hinterbliebenen, dass der mächtigste „Game Changer“ tatsächlich dazu gehört. Mit jedem feierlichen Abschied, den mir Familien anvertrauen, weitet sich mein Empfinden für diesen regenerativen Wandel, den wir Tod nennen. Das tiefe Wissen um die zyklische Kraft des Lebendigen ist nicht erloschen, nur verdeckt von kulturellen Prägungen. Die Sehnsucht nach transzendenter Geborgenheit bettet sich in vielfältigen Geschichten und Vorstellungen. Oft finden Menschen Dankbarkeit, Mitgefühl und Hingabe in der Schönheit der Natur, in Musik oder liebevollen Erzählungen und Umarmungen. Jedes „Ich“ braucht ein „Du“. So gestaltet der freie, menschliche Geist seine heiligen und heilsamen Bilder, die als treue Gefährten zur Seite stehen. Die geteilten Erfahrungen zeigen es mir und schenken mir Vertrauen: Die existenziellen Übergänge, Geburt und Tod, öffnen die Wahrnehmung für eine Kraft, die in jedem Menschen wohnt. Wir können Sinn intuitiv fühlend erfassen. Jenseits aller Konzepte und Worte.
9.4.2026
Die Autorin Eva Keller
steht mit ihrer Initiative forum8 für regenerative Lebensformen, innere und äußere Transformation, für Sterbekultur und für die gemeinsame Entwicklung von Zukunftskompetenzen. Dafür öffnet sie Vertrauens- und Lernräume und bietet Workshops und Coachings an.
Dieser Artikel ist auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 127, Frühjahr 2026, S. 4
>> hier zu lesen


M van der Put
Postergestaltung: Luisa Gräfer und Johanna Caroline Bauer 








