Lernen als Zukunftskompetenz

Nicht nach-, sondern vordenken: Lernen bedeutet, sich selbst
immer wieder neu zu begegnen – zu jeder Zeit, ein Leben lang.

Bildung ist nicht das Füllen eines Gefäßes, sondern das Entzünden eines Feuers.“ Diese Sokrates zugeschriebene Metapher bringt für mich auf den Punkt, worum es bei Bildung und folglich auch beim Lernen in Fort- und Weiterbildung geht: Nämlich nicht um das bloße Anhäufen von Wissen, sondern um persönliche Entwicklung und Transformation.
Ich begleite Menschen auf diesem Weg. Systemische Methoden und Theorien sind meine Basis dafür, und eröffnen insbesondere einen Raum, in dem sich jede und jeder persönlich entfalten kann und die Veränderung selbst in sich erlebt. Das kann ein durchaus tiefgreifen der Prozess sein.

Wandel durch Umdenken
Unsere Gesellschaft steht vielfältigen Herausforderungen gegenüber. Ob in Organisationen oder in unserem persönlichen Alltag: Ständiger Wandel ist zur Konstanten geworden. Um diesen Wandel aktiv mitzugestalten, braucht es die Bereitschaft, um- oder sogar ganz neu zudenken. Es funktioniert also nicht, im „So war es schon immer!“ zu verharren, sondern man darf sich trauen, Fragen zu stellen, Perspektiven zu wechseln und auch Selbstverständliches zu hinterfragen.
In meiner täglichen Arbeit erlebe ich, dass eine systemische Weiterbildung dafür ein Türöffner ist. Die Teilnehmenden spüren, dass Lernen über den Kopf hinaus ein ganzheitliches Erlebnis ist, das ihnen in der Folge Erleichterung im privaten wie im beruflichen Alltag bringt. Weg vom Auswendiglernen, um Prüfungen zu bestehen, hin zu sich selbst, hin zu Resonanz mit anderen. Das ist, sehr komprimiert gesagt, der Kern des systemischen Vorgehens.
Für Lernende, die durch unser Bildungssystem, sei es in Schule oder Universität, anders sozialisiert sind, ist das anfangs ein großer Sprung: Lernen kann nur mit und durch andere geschehen. Weg von der egozentrierten Welt hin zu Verbindung mit weiteren Menschen und dem, was daraus Neues entsteht.
Mit einem solchen Ansatz begegnen Lernende ihrer Umwelt anders. Sie erkennen Muster und sehen Dinge aus einer neuen Perspektive. Sie bewerten nicht mehr vorschnell, sondern versuchen erst zu verstehen, indem sie sich öffnen und nachfragen. Sie gehen raus aus altbekannten Mustern, wie zum Beispiel vorschnell über andere zu urteilen ohne eine Nachfrage gestellt zu haben, ob sie das Gegenüber auch wirklich richtig verstanden haben.

Unser denken gestaltet die Welt
Die Essenz systemischer Praxis ist: Die Entwicklung der eigenen Person steht im Vordergrund und nicht, wie im Regelfall praktiziert, ein Zertifikat, das die Teilnehmenden für ihren formalen Lernprozess erhalten. Mit dem systemischen Ansatz im Hintergrund entsteht eine Erkenntnis, mit der eine so weitergebildete Person danach ihren Freunden, der Familie und Arbeitskollegen neu begegnet.
Vor dem Hintergrund des lebenslangen Lernens ist die systemische Weiterbildung ein Ansatz für ein ganzheitliches Um-Denken. Der Mensch bleibt damit neugierig und lösungsorientiert. Er weiß und fühlt, dass sich Verhalten nicht isoliert betrachten, sondern nur im jeweiligen Kontext verstehen lässt.
Was macht systemische Bildung also aus? Sie ist keine Maßnahme, sondern sie schafft Bewegung. Sie ist keine reine Wissensaneignung, sondern trägt zur Entfaltung bei. Sie entzündet ein Feuer, von dem auch andere durch einen neuen Umgang miteinander partizipieren. Ich nenne das Lernen mit Kopf, Herz und Intuition. Wird aus Lernen Handeln und aus Erkenntnis Haltung: Dann gestalten wir Zukunft mit Verantwortung.

29.08.2025

Die Autorin Yvonne Weber
ist Diplom-Pädagogin, Dozentin, Systemische Beraterin, Systemische Coach, Systemische Supervisorin, Lehrende für Systemische Beratung und für Systemisches Coaching. Die Inhaberin des Systemischen Institutes Kassel ist ebenfalls Teil des Teams „Menschen und Kultur“ bei der Micromata GmbH

Diesen Artikel auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 124, Sommer 2025, S. 8
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