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    Klaus Schaake
    Tel. 0561 – 475 10 11
    post@mittendrin-kassel.de

     

    Gefördert bis Ende 2019 durch:

    Splitter im Mund

    Jehona Kicajs Debütroman „ë“ erzählt von den tiefen Narben des Kosovokriegs, die bis heute in den Körpern und Erinnerungen der Betroffenen eingeschrieben sind und weiterwirken. Die junge Ich-Erzählerin, Tochter von seinerzeit nach Deutschland Geflüchteten aus dem Kosovo, ringt mit Herkunft und Stimme, trifft auf Ignoranz und Vorurteile und sucht eine Sprache, die den Schmerzt trägt, ohne ihn zu erklären.

    Am Anfang steht ein Gefühl im Körper. „Nach dem Aufwachen habe ich einen Splitter im Mund… Es ist ein kleines Stück Zahn.“ Die Erzählerin protokolliert im Kopf Nächte, in denen ihr Kiefer arbeitet – bis schließlich die Aufbiss-Zahnschiene aufgibt. „Ich zermahle jedes einzelne Wort, bevor ich spreche.“; Sprechen ist für die Ich-Erzählerin harte Arbeit, körperlich wie mental. Das Sprechen schmerzt, kostet viel Kraft und verliert somit jegliche Leichtigkeit. So wie der Kiefer nachts durch das Zähnepressen arbeitet, arbeitet er tagsüber an den Worten durch das sorgfältige Zermahlen. Zermahlen heißt: prüfen, zerdenken und zerkauen, bis nichts Spontanes mehr bleibt. Angst und Perfektionismus filtern jede Äußerung, alles wird vorab kalkuliert und kleingemacht. Der Roman gibt den körperlichen Erfahrungen das Wort, bevor er irgendetwas erklärt. Der Kosovo-Krieg liegt nicht explizit ausgesprochen im Fokus der Geschichte. Er sitzt stattdessen in den Zähnen, im Atem und im Schweigen.

    Das Geschenk aus Graçanica
    Die Ich-Erzählerin studiert Geschichte, Deutsch und Philosophie. Sie nimmt an einer Uni-Exkursion unter dem Titel „Kosovo nach dem Krieg“ teil und reist gemeinsam mit ihrer Seminar-Gruppe in den Kosovo. Im Zuge der Exkursion genügt später ein Erinnerungsgeschenk, um zu zeigen, wie Dinge sprechen und wen sie ausschließen. Die Ich-Erzählerin soll ursprünglich ein Abschiedsgeschenk für den Professor auswählen. Unterwegs bei einem Halt am Kloster in Graçanica erfährt sie, dass die Gruppe dieses bereits gekauft hat. In der Papiertüte, gekauft im Souvenirshop des Klosters: ein kleiner Tonbecher mit weiß gemaltem serbischem Kreuz und eine Flasche Schnaps, deren Etikett ein großes Kreuz zeigt, eingerahmt von kyrillischen Buchstaben, lesbar ist „Косово“ – Kosovo.

    Kein neutrales Andenken
    Die Ich-Erzählerin versucht ruhig zu erklären, warum dieses Ensemble kein neutrales Andenken ist: Doch dies stößt auf Unverständnis. Es formiert sich ein Kreis um einen Kommilitonen, „jemand aus dieser Gruppe“ sei mit dem Geschenk nicht zufrieden. Sie tritt vor, „Ich war das“ und sagt, „dass es etwas mit uns macht, wenn Gegenstände, die an eine Reise in den Kosovo erinnern sollen, mit serbischen Symbolen und kyrillischer Schrift versehen sind (…) Es wäre schön gewesen, wenn das Geschenk keine religiösen, politischen oder nationalistischen Zeichen zeigen würde“. Die Erinnerungsrahmung der Uni-Reise ist mit einem solchen Geschenk einseitig: ohne albanische Sprache, Motive oder Akteure; die Ich-Erzählerin fährt fort: „Ich erwarte nicht viel von euch, nur etwas Verständnis und Feingefühl – immerhin seid ihr schon vier Tage hier“. Solche Embleme lassen sich als Ignoranz gegenüber Leid lesen. Die Zeichen erinnern an Gewalt, Ausgrenzung und Machtansprüche. Sie lösen genau dies aus, wogegen die Erzählerin im Buch arbeitet: Das Unsichtbarmachen ihrer Perspektive. Die Gruppe entscheidet am Ende, ein anderes Präsent zu kaufen. Ein Kommilitone, Ardit, und die Erzählerin übernehmen diese Aufgabe und besorgen ein neues Geschenk; „Ich wollte mit niemandem mehr sprechen, wollte einfach nur weg. Es gab keine Genugtuung, nur Leere“ sagt die Ich-Erzählerin. Erst später erfährt die Protagonsitin, dass der Ort selbst politisch aufgeladen ist: er ist aufgrund einer zum Mythos erhobenen Schlacht von 1389 und Miloševićs Rede von 1989 Knotenpunkt serbisch-nationalistischer Erinnerungspolitik. Graçanica wird für serbisch-nationalistische Zwecke mobilisiert, nicht für ein Erinnern aller.

    Fremdsprechen lernen
    Ein weiteres Beispiel: Im Kindergarten ist Fasching. Die Ich-Erzählerin erscheint ohne Verkleidung, Zuhause gibt es dieses Fest nicht, das Wort ist der Familie fremd. Verständnis dafür bleibt aus, die Ich-Erzählerin wird ausgeschlossen, die schmerzhafte Erinnerung bleibt. Ebenfalls singt die Kindergarten-Gruppe der Erzählerin jeden Morgen ein Guten-Morgen-Lied. Die Erzieherin ordnet der Ich-Erzählerin die angeblich „slawische“ Strophe des Gruppenlieds zu und erklärt, das sei ihre Sprache. Von da an begrüßt die Ich-Erzählerin morgens die Gruppe regelmäßig auf Serbisch, formt Buchstaben zu Lauten, ohne den Sinn zu kennen. Widersprechen kann die Protagonistin in dem Alter nicht. Die Sprache wird Ihr zugeschrieben. Was als harmlose Routine beginnt, wird zur frühen Übung in Zuschreibung und Fremdsprechen. Eine Szene, die das Muster vorgibt, das der Roman später an größeren Schauplätzen wieder aufruft.

    Artikulation und Bedeutung des ë
    „ë“ ist ein Buch über das, was zwischen Zähnen, Zunge und Zwerchfell geschieht, wenn Herkunft sich unsichtbar machen soll. Das albanische „ë“, im Deutschen fremd, im Albanischen häufig, in der Wortmitte hörbar und am Ende oft stumm, wird zum Scharnier zwischen Stimme und Verstummen. Wie das „e“ in „Bäume“ oder „Grube“; so hört sich der albanische Buchstabe „ë“ ausgesprochen etwa an. Er erinnert an den Schwa-Laut [ə] der deutschen Sprache, wie das „e“ in „bereit“ oder „viele“.

    Die Autorin Jehona Kicaj.

    Zugehörigkeit: Das ë als Zeichen
    Albanisch wird in der Diaspora immer seltener gesprochen, der Verlust des Albanischen ist ein schleichender Prozess, die Familie der Ich-Erzählerin warnt: „Wir sind dabei, die nächsten Generationen zu verlieren.“ Gespräche kippen unmerklich ins Deutsche, die Älteren ermahnen: „In diesem Haus wird Albanisch gesprochen.“ Der sterbende Onkel der Ich-Erzählerin ist beunruhigt, die Kinder und Enkel würden „unsere Kultur und Sprache verlernen“, die Angst vor der Entfremdung der Generationen bereitet ihm Sorgen. Dahinter steht die Erfahrung politischer Unterdrückung, in den 1990ern wurde im Kosovo Albanisch aus Schulen und Universitäten verdrängt, der Unterricht verlagerte sich in private Räume, mit dem Ziel, die Sprache unsichtbar zu machen. Die Geschichte setzt sich in der Körpersprache des Schweigens fort; die Ich-Erzählerin lernt, die Muttersprache an der serbischen Grenze zu verschweigen, weil sie gefährlich ist. Der Buchstabe „ë“ wird zum Zeichen der Zugehörigkeit. Er wird nicht oft gesprochen, verändert aber die Betonung und markiert, ob jemand „auch Albanisch spricht“.

    Deutsch als Rüstung
    Die Erzählerin, als Kind kosovo-albanischer Geflüchteter in Deutschland aufgewachsen, perfektioniert das Deutsche als Schutz. „Du klingst wie eine… professionelle Sprecherin… alles so perfektioniert.“ Das sagt Elias zu ihr, ein enger Freund und Begleiter der Ich-Erzählerin. Sprechen wird Imitation. „Im Grunde bedeutet Sprechen für mich noch heute Nachahmung.“ Der Preis heißt Kontrolle, nachts entlädt er sich im Bruxismus, dem krankhaften Zähneknirschen. In der Zahnarztpraxis bekommt der Schmerz Vokabular, der Arzt spricht von Zahnschmelz und Diskus, die Erzählerin spricht von Pressen und Beißen. Das medizinische Register stößt an die politische Biografie, jede Spannung im Kiefer ist auch eine Akte über Anpassung, Angst und Erwartung.

    Alltag der Zuschreibung
    Jehona Kicaj verankert diese somatische Poetik im Alltag. Im Kindergarten weist die Erzieherin der Erzählerin die serbische Strophe eines Lieds als vermeintliche Muttersprache zu, eine Grenzziehung, die das Kind nicht gewählt hat. In der Schule wird eine Floskel zur Körperregel. Da musst du dich jetzt durchbeißen, heißt es, seitdem beißt sie beim Übertreten jeder Klassenzimmerschwelle. An der Universität zeigen ein Tonbecher, eine Schnapsflasche und ein Schnapsglas mit kyrillischer Schrift und Symbolik, wie Erinnerung codiert ist, und wie eine Geste des Dankes zum Ausschlusskriterium werden kann.

    Gegen das Verschwinden
    Die eingebetteten Rückblenden auf den Krieg folgen der Logik des Traumas. Keine glatte Chronik, sondern Splitter. Erinnerungen tauchen abrupt auf, Berichte von Ermordungen, Verschleppungen, Verlusten, so wie Körpererinnerungen, die plötzlich da sind. „Ich habe früh gelernt, auf das Schweigen zu achten.“ Konkret ist Schweigen für die Ich-Erzählerin eine bedeutungstragende Sprache, die sie, politisch und biografisch, lesen gelernt hat. Gerade weil sie das Schweigen lesen gelernt hat, sammelt sie, was zu verschwinden droht: Das private Archiv der Erzählerin wirkt wie eine Gegenbewegung zur Auslöschung. Zeugnisse, Abzeichen, Zeitungsschnipsel, als müsse jeder kleine Erfolg belegt werden, um wirklich stattgefunden zu haben.

    Hintergrund und Nachhall
    Erst dann rückt die Geschichte näher. Die Wurzeln der Erzählung liegen im Kosovo in den neunziger Jahren, als Repression, Vertreibung und Gewalt gegen die kosovo-albanische Bevölkerung eskalierten. 1998 beginnt der Krieg, im Westen des Landes schlagen die ersten Granaten ein, die Flucht der Familie setzt ein. Der Großvater bleibt seit Kriegsbeginn verschwunden, Verwandte geben Jahre später DNA-Proben ab, passende Spuren werden nicht gefunden. Bis heute gelten über 1.600 Menschen im Zusammenhang mit den schrecklichen Ereignissen von 1998 bis 1999 als vermisst, mehrheitlich Kosovo-Albanerinnen und Kosovo-Albaner, vermisst werden jedoch auch Hunderte Serbinnen und Serben sowie Angehörige der Roma-Gemeinschaft.

    Knochen als Zeugnis
    Die Ich-Erzählerin besucht einen Vortrag einer Uni-Vortragsreihe „Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts: der Fall Kosovo im internationalen Kontext“. In dieser bezeichnet sich die vortragshaltende Expertin, Dr. Joanna Korner, eine forensische Anthropologin, als Übersetzerin der Sprache des Skeletts. Was dort geborgen wird, widerspricht der bequemen Behauptung, Geschichte sei abgeschlossen. Jede Faser, jeder Zahn, jede Murmel ist ein Dokument gegen das Vergessen. Deshalb bleibt die Ungewissheit der Angehörigen eine offene Wunde.

    Politik im Mundraum
    Dass Kicaj den historischen Rahmen erst setzt, nachdem das Buch die Sensorik geschärft hat, macht seine Kraft aus. Es gibt keinen Vortragston. Das Politische verschraubt sich mit der Artikulation im kleinsten Maßstab. Das gerollte, in der albanischen Sprache typische, Zungenspitzen-R wird abtrainiert, damit es nicht verrät, was besser verborgen bleibt. VHS-Kassetten tragen Albanisch in ein deutsches Wohnzimmer. Ortsnamen kippen im Pass in andere Schreibweisen. Kicajs Prosa ist knapp, poetisch und exakt. Sie überhöht nicht, sie zoomt heran. Wer hier über Trauma spricht, nimmt das Pausenzeichen ernst und den winzigen Laut am Wortende, der stumm bleiben darf und doch da ist.

    Nachkrieg im Körper
    „ë“ ist ein Nachkriegsroman aus der Perspektive der zweiten Generation. Er macht begreifbar, dass Krieg nicht endet, wenn Waffen schweigen, sondern in Körpern, in Sprachen und in Dingen fortlebt. Das Politische beginnt im Mundraum, im Kindergartenlied, im falsch etikettierten Geschenk, in einer Handvoll Murmeln. Die großen Sätze fehlen, die kleinen überzeugen. Am Ende steht keine Pointe, sondern eine Haltung. Genau hinsehen, wenn etwas nicht gesagt wird. Hinhören, wenn ein Laut sich entzieht. Wissen, dass Perfektion Tarnung und Überleben sein kann. „Ich zermahle jedes einzelne Wort, bevor ich spreche.“

    Das Buchcover.

    6.1.2026

    Autorin:
    Jehona Imeri

    Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars „Journalistisch Arbeiten, crossmedial Publizieren“ im Sommersemester 2025. Die fächerübergreifende Lehrveranstaltung ist ein Angebot des Bereichs Servicelearning der Universität Kassel.
    Prof. Dr. Sabine Ruß-Sattar, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, und Dipl-Ing. Klaus Schaake, Journalist und Medienmacher, begleiteten das Seminar.

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