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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-01-22 16:23:172026-01-23 07:41:07BOCKWURSCHTBUDE + LOST LYRICS in Goldgrube KasselVom Königsplatz lernen
Eine Nabelschau
Beim Spaziergang zum Königsplatz, an zentraler Stelle der Kasseler Innenstadt gelegen, stehen den flanierenden Menschen sechs Zugangswege offen. Das mit imposanten 13.250 Quadratmetern großzügig angelegte kreisrunde Areal, geplant und erbaut vom Oberhofbaumeister und Stararchitekten Simon Louis dy Ry, erweist sich seit seiner Entstehung im Jahre 1767 als beständig in seiner Grundfläche und unangefochten in seiner Benennung.
Das Beständige
Könige, Potentaten und Regierungsverantwortliche in ihren jeweiligen Staatsformen kamen und gingen. Selbst nach der massiven Zerstörung Kassels im Zweiten Weltkrieg und den einschneidenden Umgestaltungen im Zuge des autogerechten Wiederaufbaus blieb der Königsplatz in seiner Ursprungsform unangetastet. Als runde Bühne innerstädtischer Begegnungen von Menschen ihrer jeweiligen Zeit, im Wechsel der Machthaber, Mobilitätsangebote, Märkte,
Moden, Meinungen und Mentalitäten, behauptet sich der Königsplatz bis heute als der Nabel der Stadt.
Schon die alten Griechen und andere Kulturen wussten, wie gut es sich beim Anschauen des eigenen Nabels meditieren lässt und aus einer spirituellen Kraftquelle weitsichtige Klarheit und sprudelnde Kreativität hervorkommen. Wer nun beim Anblick des Nabels der Stadt meint, Kassel hätte die endgültige Gestaltung seiner Mitte noch nicht gefunden, weil alles irgendwie unvollendet wirke, der sollte bedenken, welche Potenziale sich im dauerhaft Unvollendeten
verbergen. Das Temporäre, ob es nun 100 Tage oder länger währt, hat seinen eigenen Reiz: Das Prinzip der immerwährenden Suche nach Vollendung führt zu einem stets frischen und unverstellten Blick auf den Königsplatz und seine Gestaltung.
Das Temporäre
Der Status des Unvollendeten hält auch den kritischen Blick auf längst vergangene Ereignisse wach: War die seit 1991 unter strikten Sparzwängen geplante und 1992 schlussendlich hingezimmerte hölzerne Aussichtsplattform, kurz „Die Treppe“ genannt, nicht zu einem Anschauungsobjekt deutscher Mauergeschichte geworden? Und war ihr Abriss im Jahr 2000 nicht auch ein performativer Akt konsequent gelebter deutscher Einheit? Was brauchte es noch eine derartige Aussichtsplattform, wo doch die Mauer schon so lange weg
war?!
Wie gut, dass sich der von Prof. Gustav Lange konzipierte Platanen ring seit 1992 im Windschatten erhitzter Treppen-Debatten so prächtig entwickeln konnte! Die Zeiten, in denen Bäume in der Stadt störten, weil sie mit ihrem Laub die Sicht versperren, ist endgültig vorbei. Auch die reparaturanfälligen Wasserspeier des Landschaftsarchitekten Kamel Louafi scheinen irgendwie aus der Zeit gefallen. Heute brauchen die vom Klimawandel belasteten Menschen frei zugängliche Orte der Abkühlung mit Schatten und Sauerstoff spendenden Bäumen, intakten Brunnen und öffentlichen Trinkquellen.
Erinnern wir uns an Gustav Lange, dessen prämierter Erstentwurf von 1989 neben dem Platanenring eine hohe Aussichtsplattform aus Marmor, Glas und Kupfer im Zentrum des Königsplatzes vorsah, um den Menschen einen erhabenen Blick auf die untergegangene Monarchie zu ermöglichen. Man möchte dem 2022 verstorbenen Visionär in Dankbarkeit zurufen: „Herr Lange, wir haben verstanden: Königskrone war gestern – lang lebe die Baumkrone!“

17.12.2025
bei Karl Oskar Blase, arbeitet als Psychotherapeutin und
Diesen Artikel auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 126, Winter 2025/26, S. 37














