https://mittendrin-kassel.de/wp-content/uploads/2026/01/ausschnitt-csm_howlong_A3plakat_2026_kassel_01_B_d70da93e98.jpg
687
859
Iryna Sauerwald
https://mittendrin-kassel.de/wp-content/uploads/2019/10/logo-m.png
Iryna Sauerwald2026-02-05 06:44:222026-02-04 16:45:06How long is now?Vom Supermarkt zum sozialen Zentrum
Ein alter Lebensmittelmarkt im Zentrum von Gudensberg stand über viele Jahre leer. statt das Gebäude abzureißen, hat es die Stadt zu einem Kommunikations- und Begegnungszentrum umgebaut.
Wo einst Lebensmittel verkauft wurden, treffen heute Jung und Alt, alteingesessene Gudensbergerinnen und Gudensberger sowie Geflüchtete aufeinander. „Gemeinsam eins“ – kurz G1 –, so lautet das Motto des neuen Kommunikations- und Begegnungszentrums in der nordhessischen Kleinstadt im Schwalm-Eder-Kreis. Seit September 2024 bietet es den dort dringend benötigten Platz, etwa für Vereine, einen Seniorentreff und Integrationsarbeit. Dafür stehen im G1 mehrere Gruppenräume, Proberäume, ein Café und eine Küche zur Verfügung. Auch eine Werkstatt, ein Atelier und einen Ausstellungsraum gibt es. Das G1 – der Name steht auch für die Adresse „Grabenweg 1“ – entstand durch den Umbau eines leerstehenden Supermarkt-Gebäudes aus den 1980er-Jahren.
Umbau statt Abriss und Neubau
2020 erwarb die Stadt Gudensberg das Grundstück. Statt das Gebäude abzureißen und einen Neubau zu errichten, konnte das Kasseler Architekturbüro LAD Ladleif Architekten die Stadt mit einem tragfähigen Umbau- und Umnutzungskonzept überzeugen. Das Büro rund um Architekt Benjamin Reibold und Lucius Ladleif hatte zuvor untersucht und bestätigt, dass ein Umbau wirtschaftlicher ist als Abriss und Neubau. Wesentliche Teile des alten Supermarkt-Gebäudes wurden bei der Umnutzung zum G1 erhalten. Dadurch wurde graue Energie eingespart – also jene Energie, die bei der Produktion und Verwendung von Baumaterialien anfällt. Diese Vorgehensweise betrachtet Architekt Reibold als vorbildlich für die Zukunft des Bauens.
Beispielsweise wurden die das Gebäude zum Teil bedeckenden Satteldächer erhalten. Dadurch fügt sich das Gebäude weiterhin in den historischen Bestand ein. Ein Teil des übrigen Flachdachs dient nun als Terrasse. Eine architektonische Besonderheit ist aus Sicht des Architekten das neue, auskragende Vordach des G1, welches eine einladende Geste schafft. Die Fassade des Vordachs besteht aus Holz, das durch seine geflämmte Oberfläche eine natürliche Schutzschicht bildet und weder Öl oder Farbe benötigt, erklärt Benjamin Reibold. Optisch war das „verbrannte“ Holz für manche gewöhnungsbedürftig, fügt er hinzu.

Eingangssituation Vorplatz.
Flexibel nutzbare Räume
Eine der größten Herausforderungen bei der Planung war die Erstellung eines gut funktionierenden Raumprogramms. Etwa ein Dutzend Vereine und Gruppen aus der Stadt hatten im Vorfeld Interesse an der Nutzung des Gebäudes angemeldet, beispielsweise der örtliche Landfrauenverein, das Künstler-Quartier Gudensberg, die Heimatfreunde, ein Seniorentreff und mehrere Musikvereine. Auch die städtische Jugendpflege und Integrationsarbeit sollten das G1 nutzen können, berichtet Dr. Eberhardt Kettlitz, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Organisation und Bauen der Stadt Gudensberg. Die verschiedenen Nutzerinnen und Nutzer teilen sich die Räume im Begegnungszentrum. Je nach Bedarf können sie die Nutzflächen auf einer Online-Plattform buchen.
Barrierefreier Treffpunkt für alle
Im vollständig barrierefreien G1 kommen nun Menschen verschiedenster Altersgruppen, sozialer Hintergründe, Geschlechter und Herkunft zusammen, erklärt Kettlitz. „Von Vornherein war die Idee, diese Menschen zusammenzubringen, um ein Kennenlernen und Kooperieren auf verschiedenen Ebenen zu ermöglichen“, so Kettlitz.
Ein Beispiel ist das ehrenamtlich vom Verein „Mach-Mit“ geführte „Café Glück“. Dort treffen Geflüchtete und Alteingesessene zwanglos zusammen, tauschen Erfahrungen aus, üben die Sprache und sprechen über Möglichkeiten zur besseren Integration. Der Verein betreibt im G1 zudem einen Second- Hand Laden, eine Nähstube und eine Fahrradwerkstatt, erklärt die Vorsitzende Rosa Hamacher. Dank der vielen unterschiedlichen Nutzerinnen und Nutzer sei das neue Begegnungszentrum gut ausgelastet, berichtet Eberhard Kettlitz.
Viele unterschiedliche Vereine, Projekte und Initiativen wirken im G1 zusammen, erläutert Rosa Hamacher. „Gerade diese Vielfalt macht den besonderen Charakter und Charme des Hauses aus“, fügt sie hinzu. Für Architekt Reibold ist das G1 ein wichties Projekt zur langfristigen Unterstüt
zung des Vereinslebens in Gudensberg. Vereine seien für Gemeinden und die Gesellschaft enorm wichtig und in den vergangenen Jahren viel zu kurz gekommen, betont er. Viele Vereinshäuser, berichtet der Architekt, seien in einem katastrophalen Zustand. Zumindest in Gudensberg ist dieses Problem behoben.
21.01.2026
Das G1 zeigt, wie gelungene Architektur sozialen Zusammenhalt und Klimaschutz vereinen kann. Für diese beispielhafte Transformation erhielt das Projekt gleich zwei renommierte Auszeichnungen: den Hessischen Landespreis Baukultur 2025 sowie den Klimapreis der Klima-Kommunen 2025 in der Sonderkategorie „Mehr Lebensqualität“.
Unter dem Motto „ZUSAMMEN UmGEBAUT – Gute Räume für sozialen Zusammenhalt“ wurden fünf Projekte in Hessen ausgezeichnet, die eindrucksvoll zeigen, wie durchdachte Umbauten neue Formen des Miteinanders und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
Der Umbau des G1 zum sozial-integrativen Kommunikations- und Begegnungszentrum zeigt, wie ökologisches Bauen auch im Bestand gelingt. Realisiert wurde der Umbau vom Architekturbüro LAD Ladleif Architekten aus Kassel. Der Hessische Landespreis Baukultur wird von der Landesinitiative Baukultur in Hessen ausgelobt, Schirmherr ist der Hessische Ministerpräsident.
Einen Sonderpreis für Projekte aus dem Bereich „Mehr Klimaschutz, mehr Klimaanpassung, mehr Lebensqualität“ bekam das Projekt im Rahmen des Wettbewerbs Klima-Kommunen zugesprochen.
Diesen Artikel auch zu lesen in der StadtZeit-Ausgabe 126, Winter 2025/26, S. 20
>> hier zu lesen















