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Iryna Sauerwald
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Iryna Sauerwald2026-10-25 07:37:052026-10-25 07:37:0527. Kunsthandwerkermarkt Kassel in der documenta-HalleDie Ästhetik des Unfertigen
Elisabethkirche bekommt Interimsdach – Übergangslösung als Bild für Kirche
Die Elisabethkirche in Kassel bekommt wieder ein Dach, aber keinen fertig sanierten Kirchenraum. Gerade darin liegt für die Verantwortlichen vor Ort eine besondere Qualität: Das Unfertige und Vorläufige wird nicht nur als baulicher Zwischenzustand verstanden, sondern auch als Bild für Kirche selbst: offen, verletzlich und nicht fertig, sondern auf etwas Größeres hin ausgerichtet. Mit dem neuen Interimsdach beginnt nun sichtbar der nächste Schritt auf diesem Weg.
An der Elisabethkirche in Kassel hat nach dem Dacheinsturz im November 2023 eine neue Phase des Wiederaufbaus begonnen. Nach dem Abbau des bisherigen Notdaches wird derzeit das neue Interimsdach montiert. Damit entsteht bewusst noch kein vollständig sanierter Kirchenraum. Vielmehr soll ein Ort gesichert und wieder zugänglich gemacht werden, der in seinem gegenwärtigen Zustand sichtbar Spuren des Einsturzes und der vergangenen Jahre trägt.
Gerade in diesem vorläufigen Zustand sieht Diözesanbaumeister Martin Matl mehr als nur eine bauliche Übergangslösung. „Die Elisabethkirche wird zunächst eher den Charakter einer Werkstatt oder eines vorläufigen Kirchenraumes haben“, sagt er. „Darin liegt zugleich ein Bild von Kirche selbst: Sie ist nie einfach fertig, sondern bleibt vorläufig und auf etwas Größeres hin ausgerichtet.“
Hoffnungsort
Auch aus Sicht der Gemeinde liegt in diesem unfertigen Zustand eine Chance. Marcus Leitschuh von der Pfarrei Sankt Elisabeth betont, dass sichtbare Schrammen, Risse und Beschädigungen nicht nur als Mangel verstanden werden müssten. Sie könnten vielmehr ausdrücken, dass Kirche nicht perfekt sei und gerade deshalb ein Hoffnungsort für Menschen mit eigenen Brüchen, Verletzungen und Verwundungen bleiben könne. Wo etwas unfertig sei, so Leitschuh, entstehe auch Raum für Entwicklung, Veränderung und neue Ideen.
Mit dem Interimsdach wird nun die Voraussetzung geschaffen, dass die Elisabethkirche wieder geschützt und in einem nächsten Schritt erneut nutzbar werden kann. Die neue Dachkonstruktion besteht aus 16 vorgefertigten Holz-Dachbindern, die mit einem Kran auf die vorbereiteten Auflager gesetzt werden. Anschließend werden Sandwichelemente mit Metalloberfläche als Dachhaut montiert.
Die Konstruktion berücksichtigt auch die besonderen baulichen Gegebenheiten der Kirche. Die Binder aus Brettschichtholz werden in einem Abstand von rund 2,60 Metern montiert und wiegen jeweils etwa eine Tonne. Neue Stahlauflager ermöglichen begrenzte horizontale Bewegungen. Dadurch kann die Dachkonstruktion Bewegungen der hohen Kirchenschiffswände bei Wind besser aufnehmen und zusätzliche Beanspruchungen reduzieren.
Neue Perspektiven
Nach derzeitiger Planung sollen die Arbeiten am Interimsdach bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Anschließend soll die Kirche wieder betreten und zunächst in einer Übergangslösung genutzt werden können. Parallel entwickelt eine Arbeitsgruppe aus Pfarrei und Bistum Konzepte für die langfristige Zukunft des Standorts. Gottesdienste und Kulturveranstaltungen sollen perspektivisch ab 2027 wieder möglich werden.
Eine konkrete kulturelle Perspektive gibt es bereits für den kommenden documenta-Sommer: Vorgesehen ist eine Klanginstallation des Künstlers Jan Werner, die mit Material der beim Dacheinsturz zerstörten Orgel arbeitet.
Zu den endgültigen Kosten des neuen Daches ist derzeit noch keine abschließende Aussage möglich. Zusammen mit den Sicherungsmaßnahmen der vergangenen drei Jahre haben die Aufwendungen bereits die Millionengrenze überschritten.
Weiter Infos unter: www.bistum-fulda.de

Über dem Kreuz an der Rückwand der Elisabethkirche, das beim Einsturz des Daches unbeschädigt blieb, sind bereits erste Elemente der neuen Holzkonstruktion des Interimsdaches zu sehen. Foto: Bistum Fulda / Burkhard Beintken

Dacheinsturz der Elisabethkirche
6. November 2023: Gegen 13 Uhr stürzte das Dach der Elisabethkirche vollständig ein. Menschen wurden nicht verletzt.
Gutachten 2024: Untersuchungen des Kasseler Ingenieurbüros HAZ ergaben, dass mehrere Faktoren zum Einsturz beitrugen. Eine wesentliche Ursache waren mangelhafte Klebeverbindungen der hölzernen Dachträger im Firstbereich. Hinzu kamen konstruktions- und witterungsbedingte Beanspruchungen der Dachkonstruktion aus den Jahren 1959/60.
Weitere Untersuchung: Nachträgliche Materialuntersuchungen der Universität Kassel bestätigten insbesondere den fehlenden beziehungsweise unregelmäßigen Klebstoffauftrag als maßgeblichen Schadensfaktor.
Nach dem Einsturz: Die Kirche wurde gesichert und blieb geschlossen. Ein auf einem Gerüst errichtetes Notdach schützte den offenen Kirchenraum vor der Witterung. Dieses wurde 2026 für den Bau des neuen Interimsdachs demontiert.













